Kultur : Ruhige Revolte

Die kanadische Musikerin Emily Haines spielt im Lido

Markus Hesselmann

Sie kennt die große Bühne. Mit ihrer Band Metric und dem Projekt Broken Social Scene ist die Sängerin Emily Haines ein Star der kanadischen Independent-Szene – und ein bisschen darüber hinaus, schließlich haben Metric schon die Rolling Stones im New Yorker Madison Square Garden unterstützt. Kein Zweifel, die Kanadier, das freundliche Völkchen nördlich vom Bush-Empire, sind musikalisch längst eine Großmacht. Der Londoner „New Musical Express“ hat gerade die CD „Canadian Blast. The Sound of the New Canada Scene“ herausgebracht. Metric sind darauf mit dem krachenden Indie-Hit „Monster Hospital“ vertreten. Doch da kommt uns Emily Haines schon wieder ganz anders: ruhig, reduziert, eindringlich. Soeben hat sie ihre Solo-CD „Knives Don’t Have Your Back“ veröffentlicht, die sie heute Abend im Berliner Lido vorstellt. Am Wochenende trat die Kanadierin in London auf.

Bei Broken Social Scene und Metric wirbelt Haines wie ein Derwisch über die Bühne, doch bei ihren Solokonzerten sitzt die zierliche, hellblonde Frau an einem großen schwarzen Flügel. Ihre Stimme – mal sphärisch, mal gebrochen – schwebt über minimalistischem Klavierspiel. Sie selbst nennt es „Stummfilmmusik“, expressionistische Schwarzweißvideos laufen im Hintergrund. Dazu ein Streichquartett und sparsame Elektronik. „Ich hasse ruhige Musik“, sagt Emily Haines. „Aber das hier ist okay.“ Eine „Bande von Softies“ schimpft sie ihr Publikum. Die Punkrockattitüde passt auch unplugged.

„Ich halte das für subversiv, was ich jetzt mache“, sagt Emily Haines im Interview. Die Ruhe als Revolution. Downsizing, Reduzierung. „Die Stadt als Dorf ist die neue Utopie“, sagt sie, deshalb fühle sie sich auch in Berlin so wohl: „Die Berliner würden am liebsten alle Dächer begrünen und nur noch mit dem Fahrrad fahren.“ Zu Hause, in Toronto, sei das ähnlich. Deutschland gefällt ihr ohnehin. „Sicher ist: Dieses Land fängt keinen Krieg mehr an.“ Lebt der neue Kanada-Boom vielleicht auch von der romantischen Verklärung eines anderen, friedfertigen Amerika? Emily Haines mag die Vergleiche mit den USA nicht. Es sei nicht fair, „dieses fantastische, gewaltige, irrsinnige Land“, mit dem dünn besiedelten Kanada zu vergleichen. „Bei uns ist es einfacher, entspannt zu leben.“ Und ein wenig provinziell – das haben viele US-Amerikaner zumindest lange behauptet. „Fades Kanada, langweiliges Kanada – das habe ich in New York oft gehört.“ Inzwischen ist Manhattan erobert. Als Nächstes folgt Berlin. Markus Hesselmann

Heute Abend ab 21 Uhr, Lido, Cuvrystraße 7, Kreuzberg

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