Kultur : Ruhm und Leere

Dreist: Vor 100 Jahren wurde die „Mona Lisa“ aus dem Louvre gestohlen

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Der Dieb, die Tat. Rekonstruktion von Vincenzo Peruggias Diebstahl. Foto: Ullstein/Roger Viollet
Der Dieb, die Tat. Rekonstruktion von Vincenzo Peruggias Diebstahl. Foto: Ullstein/Roger ViolletFoto: ullstein bild

Am frühen Morgen des 21. August 1911 betrat ein italienischer Handwerker den Pariser Louvre, ging in den Saal mit Leonardos „Mona Lisa“, hob das Bild von der Wand und verschwand damit, nachdem er Rahmen und Schutzglas entfernt hatte, unbemerkt aus dem Gebäude. Er fuhr nach Hause, versteckte das auf Holz gemalte Bildnis und ging zur Arbeit. Dass er zu spät kam, fiel niemandem auf.

Auch das Verschwinden der „Gioconda“, wie das Bildnis Leonardo da Vincis nach der – vermeintlich – dargestellten Dame hieß, fiel nicht weiter auf. Es dauerte bis zum Dienstag, dass nach dem Bild geforscht wurde. Man vermutete es beim Hausfotografen. Die Abnahme einzelner Bilder zum Fotografieren war üblich und wurde im Louvre nicht einmal den Aufsehern mitgeteilt. Das Gemälde war einfach weg. Und es blieb zunächst verschwunden: Kein Hehler bot das Bild an, kein Erpresser verlangte Lösegeld. Während sich der Diebstahl zur französischen Staatsaffäre ausweitete und sogar preußisch-deutsche Agenten für den Anschlag auf die Grande Nation verantwortlich gemacht wurden, ging Vincenzo Peruggia, ein 30-jähriger Anstreicher und Arbeitsmigrant aus dem norditalienischen Como, seinem Tagwerk nach.

In jenen Tagen, da der italienische Futurismus Furore machte, nahm die Aufmerksamkeit für nationales Kulturerbe deutlich zu: Die Futuristen wollten es vernichten, die reichen Touristen, nicht zuletzt aus USA, umschwärmten es. In dieser Stimmungslage erschien es dem Dieb als patriotische Heldentat, die „Mona Lisa“ zurück nach Italien zu bringen. Dass Leonardo das berühmte Gemälde dem Arbeitgeber seiner späten Jahre, dem französischen König Franz I., veräußert hatte, dürfte Peruggia nicht gewusst haben.

Es wussten ohnehin nur wenige über „La Gioconda“ Bescheid. Der Ruhm des Bildes, seine pop-art-mäßige Allbekanntheit, begann erst mit seinem Verschwinden. Das Foto mit den leeren Haken an der Museumswand, wo sich das kleinformatige Porträt unter einem gewaltigen Werk von Paolo Veronese geduckt hatte, ging durch alle Zeitungen. Und der Skandal um den geradezu aberwitzig schlampigen Louvre, wo montags so ziemlich jeder Handwerker, Fotograf oder Kopist Zutritt hatte, führte zur Entlassung des Direktors und ließ das Gemälde zur Herzenssache eines jeden Franzosen werden.

Peruggia, der in einer kargen Bude in einem verrufenen Viertel lebte, hielt sich gut zwei Jahre lang bedeckt, ehe er Kunsthändlern in Rom und Florenz die „Mona Lisa“ zum Kauf anbot. Der Florentiner Händler reagierte, verlangte jedoch, das Gemälde in Florenz selbst zu sehen. Peruggia fuhr nach Italien – wobei das Bild wiederum unentdeckt blieb – und stellte es dem Galeristen vor, der den Direktor der Uffizien zur Begutachtung hinzugezogen hatte. Doch statt der erhofften Belobigung erhielt der Dieb ein Strafverfahren, während seine Beute in den Louvre zurückkehrte. Peruggia musste sieben Monate Haft absitzen, die „Mona Lisa“ hingegen wurde Anfang Januar 1914 in Paris von einer ganzen Schar zylinder- und melonenbehüteter Herren der Presse vorgeführt.

Mit dem glücklichen Ausgang des Diebstahls nahm die Vergötterung der „Mona Lisa“ ihren unaufhörlichen Aufschwung. Seither drängen sich immer weiter anschwellende Besuchermassen vor dem Bild, das längst eine eigene Wand, ja einen eigenen Saal im Museum beansprucht, um all die Schaulustigen fassen zu können. Lange Zeit war die „Mona Lisa“ über Eck mit Leonardos anderem, im Louvre bewahrten Meisterwerk, der „Hl. Anna selbdritt“, zu sehen, einem Werk, das seiner neuartigen Komposition und seiner psychologischen Tiefe wegen womöglich noch ein wenig bedeutender ist als die „Gioconda“. Wenige Besucher haben sich je in die geheimnisvolle Tiefe der biblischen Szene vertieft, die meisten rätseln lieber über Mona Lisas Lächeln.

Ähnlich grübelte man in Berlin übrigens über den schwermütigen Herrn unter opulentem Kopfputz, Rembrandts „Mann mit dem Goldhelm“ – bis sich herausstellte, dass das Gemälde gar nicht von Rembrandt stammt. Als ob sich das Bild als solches damit veränderte. In beiden Fällen ist es ein außerkünstlerischer Umstand, der Rang und Ruhm des Werks nicht unwesentlich beeinflusst.

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