Ruhrtriennale : Apokalyptischer Totentanz

Jan Fabres "Requiem für eine Metamorphose" ist nichts für zarte Gemüter. Nach der Deutschlandpremiere bei der Ruhrtriennale war das Publikum dann auch wie betäubt.

Constanze Schmidt[dpa]
070906ruhrtriennale
Theatralische Totenmesse -Foto: dpa

BochumEin süßlicher, schwerer Duft liegt in der Bochumer Jahrhunderthalle. Ein gigantisches Meer aus frischen Schnittblumen bedeckt die 35 Meter breite Bühne und türmt sich zu seltsamen Garben: Ein zerbrechliches, morbides Arrangement, das alsbald in zuckende, auflösende Bewegung gerät. Denn das flämische Multitalent Jan Fabre hatte in der ehemaligen Industriehalle einen gut zweistündigen apokalyptischen Totentanz inszeniert, der sich zur düsteren, wilden Schock-Party steigerte und von Gerbera und Gladiolen nicht viel übrig ließ. Gestern Abend hatte Fabres "Requiem für eine Metamorphose" Deutschlandpremiere bei der Ruhrtriennale.

Nach dem gregorianischen Introitus, den wummernde Bässe intonierten, schält sich eine nackte Tänzerschar aus den Blumengarben, die sich im Laufe des Abends immer wieder sinnbildlich zu Tode zappeln, brüllen und zittern sollte. Barocke Verschwendung, dröhnende Pop-Ästhetik und gruftiger Gothic-Schick gingen in Bochum eine betäubende Mischung ein, die vor allem eines wollte: Überwältigen.

Fabre kennt sich aus in der Kultur des Todes

Jan Fabres "theatralische Totenmesse" ist nichts für zarte Gemüter. Brutal, makaber, sarkastisch nähert sich Fabre den letzten Dingen und stellt Experten des Sterbens in den Mittelpunkt seiner Inszenierung, die formal der lateinischen "Requiem"-Liturgie folgt. Totengräber und Sargtischler kommen ebenso zu Wort wie Kranke, zum Tode Verurteilte, ein Pathologe und ein Priester. Sie alle erzählen vom Sterben, von Verfall, von der Lächerlichkeit der menschlichen Existenz, von Zersetzung und Metamorphose. Kaum einen historischen Verweis lässt Fabre aus, er kennt sich aus in der Kultur des Todes. Hieronymus Boschs Horror-Visionen, barocke Pieta-Bilder, Goyas Grausamkeiten, Dracula, Rocky-Horror: Die Bilder und Zitate strömen unablässig.

Als eine Art Conférencier leitet Linda Adami, gekleidet als goldener Schmetterling, mit bewusst geschmacklosen Witzen durch den Abend. Fabres bizarrer Totentanz, hinter dem Serge Verstockts Musik als lauter Klangteppich zurücktritt, entpuppt sich in der Summe als wildes Fest, das der Verzweiflung über die Sterblichkeit den Triumph der Metamorphose entgegen stellt. Am Schluss regnete es bunte Luftschlangen. Das Publikum applaudierte zögerlich, es war wie betäubt.

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