Ruhrtriennale : Genazinos "Courasche" uraufgeführt

Es geht um das Elend der Bordelle: Wilhelm Genazinos Dreiakter "Courasche oder Gott lass nach" ist gestern uraufgeführt worden. Das Publikum feierte die Auftragsarbeit der Ruhrtriennale in Duisburg mit langem Applaus.

Ulrich Fischer[dpa]
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Julischka Eichel, Barbara Nüsse und Anna Franziska Srna (v.l.) in "Courasche oder Gott lass nach". -Foto: dpa

DuisburgMutter Courage ist eine der berühmtesten weiblichen Theaterfiguren. Die gleichnamige Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg von Bertolt Brecht hat sie bekannt und populär gemacht. Brecht stützte sich auf den Kurzroman "Trutz Simplex Oder Lebensbeschreibung der Ertzbetrügerin und Landstörzerin Courasche", den Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen 1670 veröffentlicht hat. Jetzt hat Büchnerpreisträger Wilhelm Genazino die Figur zu neuem Leben erweckt.

Courasche, die Titelfigur, wird von drei Schauspielerinnen verkörpert: Julischka Eichel spielt die junge, Anna Franziska Srna die mittlere und Barbara Nüsse die alte Courasche. Im ersten Akt ist Courasche eine routinierte Hure in einem trostlosen Puff von heute, im dritten und letzten Akt spielt sie ein Zimmermädchen vor gut hundert Jahren, dem der gnädige Herr nachstellt wie in Arthur Schnitzlers "Reigen". Das Hauptbild liegt in der Mitte: der zweite Akt spielt auf der Flucht, 1945, westlich von Stettin. Courasche ist kurz vor dem Verhungern. Sie erzählt ihre Geschichte einem Soldaten, der desertiert ist. Er begehrt die in Lumpen gehüllte Frau - die beiden kommen ins Geschäft. Ein Brocken trockenes Brot wechselt den Besitzer und die Courasche ist dem Soldaten zu Willen.

Veronica Ferres gab Rolle zurück

Wilhelm Genazino ist der Chronist des grauen Alltags, ein Feind aller Verklärung. Insofern war es von Veronica Ferres - eine Schauspielerin, die den Glamour liebt - konsequent, die Rolle im letzten Jahr zurückzugeben. Freilich wäre die Courasche eine interessante Erweiterung ihrer Darstellungskunst gewesen - Veronica Ferres ist eine wandlungsfähige Aktrice. Schade, dass sie vor dieser Herausforderung zurückgeschreckt ist. Doch auch ohne sie ist die Uraufführung, selbst wenn sie um ein Jahr verspätet herauskommt, geglückt.

Stephanie Mohr übernimmt Genazinos Ästhetik für ihre Inszenierung. Die Regisseurin betont die Schlichtheit, ja Schäbigkeit. Die drei Hauptdarstellerinnen spielen außerordentlich nüchtern - und bekommen einen verblüffenden Kontrapunkt, einen achtköpfigen Männerchor: Das Vokal-Ensemble des Philharmonia Chors Wien singt vom Tanzen und Springen und vom Maien - spielt aber Männer, die sich neugierig im Bordellviertel umschauen. Der Kontrast beschwört den Geist der Heuchelei, der mit der Prostitution einhergeht.

Die Uraufführung dauert nur fünf Viertelstunden - aber sie hat es in sich. Weder das Stück noch die Inszenierung hebt den moralischen Zeigefinger. Wilhelm Genazino wie seine Regisseurin Stephanie Mohr weisen nur darauf hin, welche Potenziale verloren gehen, wenn Männer sich mit dieser schalen Befriedigung ihrer Sexualität zufrieden geben. Genazinos "Courasche", ein absurdes Drama über einen beklagenswerten Zustand, fordert geradezu dazu auf, gegen das Elend der Bordelle anzugehen.

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