Ruhrtriennale : Marthaler begeistert mit Scelsi

Auch das Publikum der Ruhrtriennale ist begeistert: Der Marthaler-Marathon zur Musik des Italieners Giacinto Scelsi erweckt minimalistisch agierende Schauspieler zum Leben.

Constanze Schmidt[dpa]

Gladbeck Der Schlussapplaus wirkte befreiend: Mehr als zwei Stunden lang hatte das Publikum in der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck still auf der Stuhlkante gesessen, um der Begegnung zweier Sonderlinge zu folgen. In dem vom Ruhrtriennale-Festival genutzten ehemaligen Industrieraum wiederholte sich das, was zuvor schon das Publikum der Salzburger Festspiele entzückt hatte.

Der Schweizer Theatermann Christoph Marthaler setzte Musik des 1988 gestorbenen italienischen Komponisten Giacinto Scelsi in Szene. Scelsi war ein Außenseiter: Er gehörte keiner musikalischen Schule an und komponierte an den Strömungen der Moderne konsequent vorbei. Zudem schrieb er seine zumeist improvisierte Musik nicht auf, sondern schnitt sie nur auf Tonband mit. Die Dokumentation besorgten seine Anhänger, was bis heute für Irritationen in Sachen Urheberrecht sorgt.

"Schlurfendes Zeitlupentheater"

Auf diese Tatsache spielt der Untertitel der Produktion "Eine Urheberei" an, während der eigentliche Titel "Sauser aus Italien" den Genuss unvergorenen jungen Rotweins meint, den Regisseur Marthaler und Salzburgs Konzertchef Markus Hinterhäuser zu sich nahmen, als sie die Idee zu diesem Abend entwickelten. Christoph Marthaler steht, ähnlich wie Scelsi, für einen ästhetischen Kosmos, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sein Markenzeichen ist die Entschleunigung auf der Bühne, das schlurfende Zeitlupen-Theater mit schrägen Typen, die einen Hang zu Musik haben.

Acht schrullige Gestalten, die in lächerlichen Kostümen der frühen 70er Jahre stecken, bevölkern nun in der Maschinenhalle ein typisch italienisches, abgewohntes Appartement-Haus (Bühne: Duri Bischoff). Wie immer bei Marthaler tun die Darsteller nicht viel, aber das mit ganzer Kraft. Marthaler erzählt auch keine Geschichte, sondern tut nichts anderes, als die Sinne zu schärfen. Es wird gefrühstückt oder Wäsche aufgehängt, ein Kellner bügelt Notenblätter, man findet sich zu kurzen Tänzen zusammen, man blättert in Büchern und man starrt ins Leere.

Orchestraler Sog

Vor allem aber lauschen die von Marthaler minutiös choreografierten Akteure zehn Stücken von Scelsi, die das exzellente Ensemble "Klangforum Wien" höchst kompetent zu Gehör bringt. Im Grunde sind die fein gewobenen szenischen Miniaturen nichts anderes als verlangsamte und dann wieder "ruckartige" Reaktionen auf Scelsis minimalistische Musik, die zwischen Kontrabass- und Gitarren-Soli bis hin zum Orchesterstück einen spürbaren Sog entwickelt. (mit dpa)

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