Ruhrtriennale : Sterne über der Wüste

Es ist die größte Liebesgeschichte des Orients: Was und "Tristan und Isolde" ist, ist andernorts "Leila und Madschnun". Jetzt bringt die Ruhrtriennale die Oper auch hierzulande auf die Bühne.

Jörg Königsdorf

Wie tief muss die Kluft zwischen zwei Kulturkreisen eigentlich sein, wenn nicht einmal die schönsten Liebesgeschichten sie überwinden können? Man stelle sich das einmal vor: Da lieben seit 800 Jahren die Menschen im einen Teil der Welt die Geschichte von Leila und Madschnun, im anderen Teil die von Tristan und Isolde. Und obwohl beide Geschichten einander in vielen Zügen ähnlich sind, würde man immer noch nur auf verlegenes Achselzucken stoßen, wenn man in Damaskus nach dem „Tristan“ und in Berlin nach dem 1188 niedergeschriebenen Epos des Persers Nizami fragen würde. Nicht einmal die große Oper des 19. Jahrhunderts, jener Allesfresser unter den Kunstgattungen mit besonderem Heißhunger auf Liebesgeschichten, schnappte sich die Geschichte von Leila und Madschnun – trotz der wunderbaren Möglichkeiten für die Sehnsuchtsarien zweier immer wieder getrennter Liebender.

Es war mithin eine gute Idee von Willy Decker, das zweite Jahr seiner Intendanz bei der Ruhrtriennale mit einer Bühnenfassung von Nizamis Versepos zu eröffnen – zumal der islamische Kulturkreis in diesem Jahr Generalthema des Festivals ist und bis Mitte Oktober in Konzerten, Performances und Theaterstücken in den Zechen und Maschinenhallen zur Sprache gebracht wird. Klar, dass da aus „Leila und Madschnun“ zur Überbrückung kultureller Gräben so etwas wie eine Oper werden sollte. Freilich, so unbefangen wie zu Zeiten Wagners und Puccinis, die ihren Stil den Geschichten ihrer Wahl überziehen konnten wie einem Sessel eine neue Polsterung, komponiert es sich heute nicht mehr. Noch heikler wird die Sache, wenn es sich um Projekte handelt, bei denen politische Korrektheit genauso wichtig ist wie das künstlerische Ergebnis. Wohl um den Verdacht der kulturellen Vereinnahmung durch die abendländische Kulturmaschinerie zu entkräften, wurde die Vertonung einem Komponisten mit arabischem Migrationshintergrund, dem 1970 geborenen Samir Odeh-Tamimi, anvertraut, während der Dramatiker Albert Ostermaier offenbar für eine solide theatralische Erdung des mystisch abgehobenen Stoffes sorgen sollte.

Doch selten geht es gut, wenn bloße Planung und Bestellung die Grundlage eines Kunstwerks sind. In der Bochumer Jahrhunderthalle nervt vor allem die verbrämende Handlung, die sich Ostermaier ausgedacht hat, um die Aktualität des Epos fingerdick zu unterstreichen. Mitten im Krieg, im Führerhaus eines ramponierten Tanklastzugs sitzend, liest ein Soldat (Aleksandar Radenkovic) die Geschichte von Leila und Madschnun und verfällt ihr. Fortan erscheint ihm der Krieg sinnlos – und die Leseerfahrung verändert sein Bewusstsein sogar so weit, dass er in der geliebten Mitsoldatin die Leila des Buchs und in seinem besten Freund niemand anderen als Madschnun zu erkennen glaubt. Wobei mit dem Krieg der Irakkrieg gemeint ist: Die US-Uniformen der Soldaten, die an Abu Ghraib erinnernden Folterspiele, die die Soldateska mit Leila und Madschnun anstellt, machen das klar. Und natürlich fällt irgendwann das Wort „Wüstensturm“.

Die Verzahnung mit der Nachrichtenrealität macht die Geschichte allerdings nicht eindringlicher. Denn das Faszinierende an „Leila und Madschnun“ ist zeitlos – die Radikalität einer Liebe, die beide Partner durch alle Fährnisse hindurch bewahren und die sich sogar als so stark erweist, dass sie auf die materielle Verbindung der Liebenden verzichten kann. Wenn dann ein Happy End möglich wird, ist es dafür schon zu spät und Madschnun, „Der Wahnsinnige“, hat längst ein Stadium vergeistigter Liebe erreicht, das weit über das eigentliche Liebesobjekt hinaus zu einem Lebenszustand geworden ist.

Um die Spiritualität eines solchen Stoffes in Töne zu fassen, braucht es eine Vision, die Fähigkeit, einen Sternenhimmel aus Klängen zu schaffen. Hat man die nicht, muss man illustrieren. Das macht Samir Odeh-Tamimi brav mit den Mitteln, die der Baukasten der musikalischen Moderne so bereithält. Das ist alles klug ausgedacht: Weil Leila und Madschnun nicht zueinander kommen können, werden sie durch eine Schauspielerin (Nadine Schwitter) und einen Sänger dargestellt. Und weil Madschnun eben liebeswahnsinnig ist, springt die Partie zwischen Bariton und Falsettlage hin und her. Der Berliner Hagen Matzeit absolviert diese Tour de Force tapfer, ohne aus dem Material eine empathiefähige Figur formen zu können.

Dazu kündigen ostinat drängende Fanfaren jeweils Action an, die Blockflöte führt in die Ruhezonen des Liebeswahns und eine gestopfte Trompete steht mit verquälter Tonfolge dafür ein, dass Krieg immer eine perverse Sache ist. Und ja, weil die Sache schließlich im Orient spielt, darf die Musikfabrik unter Peter Rundel hie und da auch verschämt ein paar Tanzmelodien einfügen. Von Liebe allerdings oder gar von dem Prozess ihrer allmählichen Weitung vom Konkreten ins Universelle hört man den ganzen Abend über keinen Ton.

Der Einzige, der für „Leila und Madschnun“ wirklich zu brennen scheint, ist am Ende Decker selbst. Seiner Inszenierung ist es auch zu verdanken, dass der Abend dann doch einige große Momente hat. Denn stark ist die Aufführung vor allem in den Massenszenen und großen Chornummern, die in ihrem Wechsel aus skandierter Brutalität und kakophonem Chaos auch Sadeh-Tamimi am überzeugendsten geraten. Wenn die durch umfangreiche Statisterie verstärkten Sänger des Chorwerks Ruhr immer wieder aus dem Dunkel über die Sandwüste stürzen, die Bühnenbildner Wolfgang Gussmann auf dem Boden der Jahrhunderthalle ausgestreut hat, wenn sie den alten Tanklastzug hinaufkrabbeln, wenn sie Leila und Madschnun herumzerren wie eine Schar Ameisen ihre Beute, dann besitzt das eine elementare Wucht, wie sie auf einer herkömmlichen Theaterbühne kaum zu erreichen ist.

Immerhin ist „Leila und Madschnun“ nach so vielen Jahrhunderten endlich im Abendland angekommen. Vielleicht findet sich ja sogar irgendwann jemand, der eine Oper daraus machen kann.

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