Ruhrtriennale : "Stunde Null" für Schlingensief

Nach seiner schweren Krebserkrankung ist Christoph Schlingensief voller Tatendrang: Auf der RuhrTriennale begeisterte er das Publikum mit seinem "Fluxus Oratorium" - einer schonungslosen Auseinandersetzung mit den eigenen Leidenserfahrungen.

Constanze Schmidt[dpa]
Christoph Schlingensief Foto: dpa
Christoph Schlingensief. -Foto: dpa

DuisburgChristoph Schlingensief hat Angst vor Gott und der Welt und musste sich jüngst auch noch mit seiner schweren Krebserkrankung auseinandersetzen, über die er seit einiger Zeit auch öffentlich freimütig spricht. Seine Bewegung "Kirche der Angst", die er schon 2003 bei der Biennale in Venedig und in Frankfurt am Main vorgestellt hatte und die eher gesellschaftspolitisch gemeint war, hat jetzt eine von seinen persönlichen Erfahrungen geprägte Fortsetzung im Stil eines beeindruckenden szenischen Oratoriums gefunden: "Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir" heißt sein "Fluxus-Oratorium", das am Sonntag bei der RuhrTriennale in Duisburg seine mit Spannung erwartete Uraufführung erlebte.

Mit dabei waren Schauspielerstars wie Angela Winkler und Margit Carstensen. Es war so etwas wie eine "Stunde null" für den 47-jährigen Regisseur, der nach seiner erfolgreich behandelten Krebserkrankung gesagt hatte: "Ich fange sozusagen das Spiel noch einmal an."

Erst Beklommenheit, dann Beifall

Das Premierenpublikum reagierte zunächst mit Beklommenheit und erst als Schlingensief in der Duisburger Gebläsehalle beim Schlussapplaus selbst auf die Bühne kam, schwoll der zuvor nur verhaltene Applaus spürbar an, die Zuschauer erhoben sich demonstrativ von den harten Kirchenbänken. Denn Schlingensief hat die Gebläsehalle zu einem sakralen Raum umgestaltet, der jener Kirche im benachbarten Oberhausen nachgebildet ist, in der er selbst früher Messdiener war ("da taucht die alte Angst des sechsjährigen Messdieners vor dem Altar wieder auf"). Die Architektur der Halle kommt ihm dabei entgegen, wodurch das Wort von den "Kathedralen der Industrie" eine ganz neue Dimension erhält.

Der einst oft als Provokateur bezeichnete Regisseur hatte selber im Vorfeld angekündigt, dass er die eigene lebensbedrohliche Krebserkrankung zum Thema machen würde. Ungewöhnlich offen hatte er schon vor der Uraufführung über seine Grenzerfahrungen und den Kampf mit der Krankheit berichtet.

Mit schonungsloser Offenheit stellt er jetzt auch in einer Art Gottesdienst tatsächlich die eigenen Leiderfahrungen in den Mittelpunkt. Das im Krankenhaus geführte Audiotagebuch ist die Textgrundlage für das Oratorium. Aus dem Off tönt meist die eigene Stimme und mit Zitaten von Heiner Müller, Hölderlin und Kleist vermischt sich das Protokoll seiner Selbstbefragung zu einer wuchernden Textcollage, die manisch um die Themen Leiden und Erlösung kreist. "Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt" wird zur zentralen Aussage von Schlingensiefs "Passion".

"In eine gewisse Todesnähe"

Auf Videoflächen flimmern alte Doppel-8-Filme aus den Kindertagen des Regisseurs, Fluxus-Performances, aber auch Filmmaterial eigener Arbeiten. Der verwesende Hase aus der Bayreuther "Parsifal"- Inszenierung ist dabei, bei der Schlingensief nach eigenen Aussagen zufolge "in eine gewissen Todesnähe" gerutscht war, und der Film "Fremdverstümmelung", der im vergangenen Jahr in Bonn in der Pause der "Freax"-Produktion zu sehen war.

Auch musikalisch setzt Schlingensief auf starke, suggestive Reize: Dem "narkotischen" Sog von Wagners "Parsifal", "Tristan" und Gustav Mahlers "ch bin der Welt abhanden gekommen" kann man sich ebenso schwer entziehen wie der Spiritualität von Bachs "Messe in h-moll". Ein Kinder- und ein Gospelchor sowie zwei Sopranistinnen treten live singend hinzu.

Dass der Abend trotz der Überstrapazierung letzter Fragen nicht in peinliches, allzu privates Betroffenheitstheater abrutscht, ist erstaunlich. Und auch an der gefährlichen Nähe zur Blasphemie nimmt in Duisburg niemand Anstoß. "Die Kunst wird zur Religion", hatte Schlingensief vor der Aufführung über den "vielleicht gescheiterten Künstler Gott" gesagt. Der "Wiederaufbau" des "Gesamtkunstwerks Schlingensief" hat begonnen.

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