Kultur : Rum ist in der kleinsten Hütte

Die Kunst, einen Cocktail zu schütteln: Die Bar der Galerie Bremer, entworfen von Hans Scharoun, wird 50 Jahre alt

Christian Schröder

Die Galerie Bremer verwandelt sich in den Abendstunden in eine magische Schleuse. Man durchquert die Schauräume und tritt durch einen Vorhang in eine versunkene Zeit. Rechts und links reihen sich niedrige schwarze Holztische aneinander, die von schlanken Metallbeinen getragen werden. Auf ihnen stehen leere „Vat 69“-Flaschen, die als Kerzenhalter fungieren. Die Stühle mit den weit ausschwingenden Rückenlehnen sind dunkelrot gepolstert. Aus wellenförmig gebogenen Wandlampen, gefertigt aus golden lackiertem perforierten Blech, dringt schummriges Licht. Vor der Rückwand erhebt sich die monumentale Bar. Sie hat einen vieleckigenGrundriss, ihre holzverkleideten Längsseiten wirken wie eingedrückt. So können die Gäste auf den Barhockern von jedem Platz aus miteinander ins Gespräch kommen. Hinter dem Tresen steht Rudolf van der Lak, Galerist und Barkeeper, und sagt lächelnd: „Wollen Sie sich nicht zu uns setzen?“

Die Bar der Galerie Bremer ist ein Baudenkmal, das noch in keine Denkmalliste eingetragen wurde. Die Einrichtung stammt von Hans Scharoun, ihrem dynamisch beschwingten Übermut sieht man den organischen Stilwillen des Philharmonie-Architekten deutlich an. Eröffnet wurde die Bar – damals lieber vornehm als „Klubraum“ tituliert – vor fünfzig Jahren, am 3. März 1955. Seither hat sich hier fast nichts verändert, das Interieur verströmt bis heute die Heimeligkeit der Nierentisch-Moderne. Für Scharoun war die Gestaltung der Bar eine Gelegenheitsarbeit, der er sich mit Hingabe widmete.

Der erste Berliner Stadtbaudirektor der Nachkriegszeit und spätere TU-Professor wollte einen Ort schaffen, an dem auch er gerne trinken würde. Dabei schien der Raum an der Fasanenstraße nicht unbedingt prädestiniert, ein solcher Ort zu werden. Handelte es sich doch um ein so genanntes Berliner Zimmer, das zwischen den Geschäftsräumen an der Straßenfront und den Privaträumen im Seitenflügel vermittelte und nur von einem kleinen Eckfenster beleuchtet wurde. Scharoun beließ dem Raum seinen Altberliner Charme mit wilhelminischem Stuck, verpasste den Wänden einen moosgrünen Anstrich und platzierte gipserne Engelsköpfe auf dem wuchtigen Kohleofen in der Ecke. „Zweckentfremdung“ hat eine strenge Beamten-Handschrift auf dem Grundriss notiert, den Scharoun beim Wilmersdorfer Bauaufsichtsamt einreichte. Eine Kopie des Dokuments hängt im Flur, der zur Garderobe führt.

Anja Bremer, der legendären Gründerin der Galerie, ging es nicht ums Gastronomische, sie hatte eine Mission. „Unsere neuen Räume ermöglichen es mir, einen Plan zu verwirklichen, der mich seit längerem beschäftigt: der Galerie einen Klubraum anzugliedern, in dem sich die Künstler und das kunstinteressierte Publikum begegnen“, schrieb sie in einem Rundbrief an die Freunde ihres Hauses. „Ich bitte alle Gäste um gegenseitige Toleranz in der Gewissheit, dass mit der Zeit, gerade in der Verbindung mit den Ausstellungen, mancher Freund für die moderne Kunst gewonnen wird.“

Die halb surreale, halb abstrakte Nachkriegs-Avantgarde, die die Galerie mit Malern wie Heinz Trökes, Werner Heldt oder Alexander Camaro und Bildhauern wie Hans Uhlmann oder Bernhard Heiliger vertrat, hatte Mitte der Fünfzigerjahre durchaus noch Feinde. Konservativen Kritikern galt diese Kunst als seelenlos, man warf ihr den „Verlust der Mitte“ vor. Doch Bremers kunstpädagogische Vision sollte sich bewahrheiten, die Bar avancierte rasch zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt, an dem sich tout Berlin traf. Zu den Stammgästen gehörten die Tänzerin Mary Wigman, die Kritiker Friedrich Luft und Will Grohmann, der Boxer Bubi Scholz und etliche Schauspieler des Schiller-Theaters. Auch Regierende Bürgermeister und Zelebritäten wie Chemie-Nobelpreisträger Otto Hahn oder Hollywood-Regisseur Billy Wilder schauten gerne auf einen Drink vorbei.

„Die Bar war ein großer Familientreffpunkt“, erzählt Rudolf van der Lak. Anfangs seien am Tresen und den Tischen die Intellektuellen noch unter sich geblieben, inzwischen kämen „ganz normale Leute“, um im Hinterzimmer einen der für die Frische ihrer Ingredienzen berühmten Cocktails oder ein profanes Bier zu trinken. Van der Lak ist 84 Jahre alt, seit einem halben Jahrhundert kann man ihn zuverlässig an seinem Arbeitsplatz treffen, tagsüber in der Galerie und nachts in der Bar. In den Singsang seiner Erzählungen mischt sich immer wieder eine eigenwillige Redewendung: „Dat gibt es nicht mehr.“ Ein Ausruf, in dem sich die Melancholie eines Übriggebliebenen ausdrückt. Die Prominenten auf den Schwarzweißfotos, die er zeigt, leben nicht mehr, und an die Namen der großen Nachtlokale des alten Westberlin erinnern sich nur noch Eingeweihte: „Rici“, „Ali“, „Don Giovanni“.

Kennengelernt hat Rudolf van der Lak seine spätere Ehefrau Anja Bremer 1952 im „Cartier Boheme“, einer mondänen Bar unweit des Adenauerplatzes, wo er Cocktails mixte und gelegentlich als Sänger auftrat. Die Bürgerstochter mit Bankausbildung, 1901 in Ostpreußen geboren, hatte im Oktober 1946 in ihrer Wohnung am Südwestkorso eine Galerie eröffnet, um die Kunst zu zeigen, die im Dritten Reich verfemt worden war: Barlach, Beckmann, Heckel, Klee. 1950 zog die Galerie in die Meinekestraße, 1955 fand sie die Räume in der Fasanenstraße.

„Die Leute waren gierig auf Kunst, wir wurden überrannt“, erinnert sich van der Lak. Er stammt aus Surinam und hatte in Amsterdam gearbeitet, bevor er nach Berlin kam. Seine dunkle Hautfarbe fiel auf im Berlin der Nachkriegszeit, er berichtet von verletzenden Gesten und rassistischen Bemerkungen. Sein meckerndes Lachen ist auch ein Schutz, an dem er die Verachtung abprallen lässt. In den Jahrzehnten hinter dem Tresen hat er Gelassenheit gelernt: „Die Leute kennen mich nicht. Nur ich weiß, wer ich bin“. Rudolf van der Lak ist ein stets gut gekleideter, immer höflicher Lebenskünstler.

Die Bar der Galerie Bremer, Fasanenstraße 37, ist täglich außer Sonntag ab 20 Uhr geöffnet.

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