Kultur : Rumpelstilzchen

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FERNSEHZIMMER

Kurt Scheel macht aus seiner Mördergrube kein Herz

Für jemanden wie mich, dessen ganzes Streben und Trachten in seiner Eigenschaft als Kolumnist nachweisbar darauf gerichtet ist, den gebildeten Schichten, die naturgemäß das Fernsehen verachten, diese Verachtung unter die Nase zu reiben, ist es ein bißchen peinlich zuzugeben, dass auch ihn gelegentlich Abscheu beim TVGucken überkommt. Das hat viele Gründe: schlechte Tagesform oder auch gewöhnlicher Weltekel.

Ein wirklich guter Grund besteht darin, daß im Fernsehen mit konstanter Boshaftigkeit die falschen Sendungen gezeigt werden beziehungsweise die falschen Leute: Warum er, warum nicht ich? Warum dieser schleimige Herr Kerner? Warum dieser ziegenbärtige, anzüglich vor sich hinwitzelnde Koch? Wahrscheinlich habe ich mir deswegen noch nie „Christiansen“ angesehen: Weil ich es nicht aushalten könnte, dass diese liebe, verängstigte, mittelmäßige Frau solch eine wichtige Rolle spielt.

Daß wir uns nicht missverstehen: Ich will mich hier nicht als Talkshowmoderator bewerben; aber es ist doch erstaunlich, wie leicht man sich vom schlichten TV-Konsumenten in einen unnachsichtigen und geradezu rachsüchtigen Kritiker verwandelt.

Sowie ich fernsehe – und zwar nicht Nachrichten, Spielfilme, Fußballübertragungen, sondern richtige TV-Sendungen, in denen mich wirkliche Menschen persönlich ansehen und ansprechen –, verwandle ich mich, und aus einem stattlichen Herrn im besten Alter wird ein rumpelstilzartiges Wutteufelchen, das grummelt: „Was guckst du?!“ – wie gesagt, nicht immer, aber immer öfter. Was für eine Schnatze!, denke ich dann, beziehungsweise: Warum nehmen die immer solche vulgären Typen? Wenn ich das denke oder jedenfalls kurz danach, geniere ich mich ein bißchen und sage mir: Herr Scheel, bleib cool! Du führst dich ja auf wie Botho Strauß oder ein ganz normaler Qualitätszeitungsfeuilletonist, willst du das wirklich? Die Antwort ist klar: Nein, das will ich ums Verrecken nicht.

Aber dass es mir so oft unterläuft, ist doch hochinteressant, und darüber wollte ich heute reden. Holt das Fernsehen nicht gerade bei uns, den Nachdenklichen, die wir uns unsere Sorgen machen über das Gemeinwohl, die allerproblematischsten Eigenschaften ans Licht: Dünkel, Ressentiment, manchmal geradezu Klassenhass?

Sie kennen mich, liebe Leser, und wissen, daß ich ein wirklicher ami du peuple bin und keinem Fliege was zuleide tun könnte. Aber wenn ich, zappenderweise, auf „Big Brother“ stoße, dreht sich mir der Magen um, und entsetzt bemerke ich, wie etwas in mir „Ich könnte kotzen“ murmelt. Wie die aussehen! Was die reden! Ist es denn die Possibility?!

Ich fühle mich dann wie ein verstockter Menschenfeind und wäre doch so gerne der Alpenkönig! Aber ich glaube nicht, dass es bei mir einfach eine Alterserscheinung ist, obwohl das sicher eine Rolle spielt: Das Hintern- und Tittengewackel auf den Musikkanälen läßt bei mir schon seit einigen Jahren keine rechte Freude mehr aufkommen, aber bitte sehr: Jugend hat keine Tugend, das geht in Ordnung. Und trotzdem: Warum ist das alles so indezent? So vulgär, ordinär, rudimentär? Warum schweigt Johannes Rau? Wer jetzt sagt: Das hört sich ja an wie die Tirade eines alten Sacks, dem kann ich nur entgegnen, dass es mir fast auch so vorkommt – aber ich leide wenigstens darunter! Es ist also keineswegs so, daß ich hier schlicht Alte-Sack-Tiraden ausstoße, sondern ich stelle sie zur Diskussion im Brechtschen Sinne: Schuldbewusst klag ich euch an! Ich möchte Sie deshalb recht herzlich bitten, einmal ähnlich selbstkritisch in sich hineinzublicken und sich vor dem ganzen greislichen Mulm, den Sie da finden, zu erschrecken – aber erschrecken kann man eben erst, wenn man davor nicht die Augen verschließt!

Tiefenpsychologisch gesprochen: Die narzisstisch-primärprozesshafte Situation des Fernsehens macht aus uns allen greinende, größenwahnsinnige Kinder. Und dagegen hilft dann nur: abschalten und ein gutes Buch hervorholen; Harald-Schmidt-Gucken; oder eben dezidierte Affirmation, wie ich sie hier in der Regel betreibe: also alles, was uns diese Pandorabüchse schenkt, gutfinden, bis es quietscht.

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