Rundfunk-Sinfonieorchester : Todesahnung

Beim Berliner Musikfest spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Mahlers 10.Symphonie und die 3.Symphonie des Dänen Carl Nielsen, von dem es mehrere Stücke auf dem Musikfest zu hören gab.

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Marek Janowski, Chefdirigent des RSB
Marek Janowski, Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin (RSB) im Jahr 2006Foto: Mike Froehling

Zuerst nur die Bratschen. Sie eröffnen das dichte Motivgewebe des Adagios von Gustav Mahlers 10. Symphonie, die als Fragment überliefert ist. Die 10.! Welch mystisches Gewaber wurde um diese Zahl veranstaltet. Jeder, der über die Beethoven’sche Neun hinauskomme, müsse sterben, hieß es etwa. Wer will, kann im Adagio natürlich trotzdem Mahlers Tod herauslesen, der an der Tür klopft

Marek Janowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester präparieren in diesem Musikfest-Konzert in der Philharmonie den an- und abschwellenden Themenreigen schön heraus, lassen Geister tanzen, den Blick über arkadische Landschaften schweifen, ein deutlich vernehmbares Subjekt an den Fährnissen der Welt leiden. Zeitlich verwandt, um 1910, entstanden die Gurre-Lieder von Arnold Schönberg. Karen Cargill singt daraus das „Lied der Waldtaube“, eine Stimme aus dem Jenseits, den Tod der Protagonistin verkündend. Mit einem Mezzo, der sich in seiner dunklen Fülle verströmt und dabei doch immer in festen Bahnen bleibt. Die Abgründe lauern in den Andeutungen, in dem, was Cargill nicht singt, von dem man aber spürt: Sie könnte es. Dazu Schönbergs pralle Spätromantik mit Harmonium, Klavier, Streichquintett, Bläsern.

Er und Mahler waren sensible Weltuntergangspropheten, haben in ihrer Musik kommende Katastrophen vorausgeahnt. Sensibel ist auch der Däne Carl Nielsen. Mit spitzbübischer Spielfreude stürzt sich der riesige Streicherapparat des RSB in den ersten Satz „Allegro espansivo“ der 3. Symphonie, Nielsen populärste. Geysirhaft fahren die Themen auf, für Zusammenhalt sorgt Janowski. Beneidenswert, wie hier ein Komponist den naiven Seinszustand des Menschen feiert und dann, im Finalsatz, das Glück des schaffenden Individuums. Protestantismus mit Weihrauch, eine Musik, die sich in ihrer Ungebrochenheit auf verschlungenen Wegen mit Bruckner berührt.

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