Kultur : Runter kommen sie immer

„Groundings“ oder die ewige Suche nach dem Inspizienten: Christoph Marthalers neue Schweizer Heimatkunde am Zürcher Schauspielhaus

Ulrike Kahle

Ihre Nationalheiligkeit, die Swissair, blieb am Boden. Seitdem wissen die Schweizer, was grounden heißt: Stranden nämlich, bruch- und bauchlanden, Bankrott gehen, bei möglichst hoher Abfindung aller Verantwortlichen, bei denkbar hoher Schuld und Ahnungslosigkeit aller Beteiligten.

Der skandalöse Zusammenbruch der Swissair – kein schöneres Thema ist vorstellbar für Christoph Marthaler. Der aus den Höhen der Beliebtheit hart auf dem Zürcher Boden landete, schon vor die Tür gesetzt war. Und jetzt noch ein bisschen Theater machen darf, wenn er die Kosten niedrig hält bei kräftig wachsender Zuschauerzahl. Gewonnen werden müssen die Zürcher Zuschauer, und das ist schwer. Kunstwert ist nicht Geldwert.

So böse, wie man es der Lage nach erwarten konnte, war es nur manchmal, das neue Marthaler-Projekt „Groundings“. Zwischen Abfindungsausgabe links und Verantwortungsabgabe rechts sitzen brav die Beteiligten. Sie sitzen mit Hingabe, Sitzen als Behauptung, Sitzen aus. Vorher hat Jürg Kienberger ein wenig Klavier gespielt, unten an der Rampe, doch der eiserne Vorhang ging nicht auf. „Hans!“ Der Ruf nach Bühnenmeister Hans wird zu einem der Rituale des Abends im Pfauen. Die Schauspieler stehen auf dem schwarz-weißen Stadtplan von Zürich, wenn sie nicht hinten sitzen, wie auf der Schulbank mit großen schwarzen Koffern, wie kleinen Särgen. Sind auch Leichen drin. Diesmal mischt Bühnenbildnerin Anna Viebrock Schulzimmer, Flughafenterminal und Konferenzraum, ausgestattet mit einem hässlichen Vorhang, vermutlich Swissair-Original. Doch: ein hässlicher Vorhang wird nicht bedrohend wie ein Viebrockscher Fahrstuhl, auch fehlt die unheimliche Musik. Ein bisschen halbherzig sind diese Vorhangsspiele, wie auch die obligatorischen Musikeinlagen und überhaupt: einen glühenden Marthaler-Fan lässt der Abend eher kalt.

Man kennt die Figuren, Gruppierungen, Haltungen, Rituale, Scherze. Man erinnert sich an „Stunde Null“, „Die Spezialisten“, natürlich an „Murx“. Man lacht und nickt, doch, irgendwas stimmt hier nicht, obwohl sie fast alle da sind, Josef Ostendorf und André Jung, Ueli Jäggi und Jean-Pierre Cornu. Obwohl Peter Brombacher eine verquälte Unternehmerexistenz abliefern darf und Sebastian Rudolph beim Vorstellen der neuen Corporate Identity auffällig unauffällig kotzen. Obwohl Katrin Neuhäuser eine fabelhaft unsichere erste Swissair-Stewardess – abgestützt über Tuttlingen! – und eine fabelhaft taffe Chefin geben darf.

Die Grounding-Spezialisten machen das Marthaler-Übliche, entspannen, konferieren, werden aber vor allem: entlassen. Die Anderen verabschieden sich scheinheilig per Händedruck, und der Geschasste fährt per Sessel seitwärts durch die Wand. Hans! Der Bühnenmeister kommt, montiert eine neue Wand, der Nächste kann hindurchbrechen. Und der letzte kommt wieder zurück. Der abgestürzte Kapitalismus als quasi-religiöser Raum: „Vor der Aktie sind wir alle gleich.“

Vor allem gleich gierig und böse, ja – Unternehmer sind Schweine, also hört man Tierlaute, wenn einer von Bilanzfälschung erzählt. Und das ist die Crux, was hier verhandelt wird, wissen wir, und gezeigt wird es ziemlich eins zu eins. Dieser Marthaler, er fliegt nicht: Kabarettnummern, Witzchen, Rituale, dazwischen leuchten vereinzelt böse Sätze wie Kostbarkeiten: „Personal abschieben, einsperren, dann wieder neu leasen." Oder: „Ich möchte eine Unterfirma! Ich auch!“ Dazwischen erfreuen Nummern, wenn Jean-Piere Cornu seine Beine herrlich himmelwärts übereinanderschlägt, er hat nämlich eine Vision und die ist ein verquälter Koffertanz, ausgeführt von Matthias Matschke, der übrigens auch singen darf, die zweite Stimme zu Ueli Jäggis Schmalzgesang, der jeden Zuschauer dahinschmelzen lässt, jeden Nichtzürcher Zuschauer zumindest. Kleine Schauspielhaus-Anspielungen beweisen, dass hier alle wissen, an welchem Abgrund auch sie stehen, das nächste Grounding kommt bestimmt: „Ein Inszpizient für alle deutschsprachigen Theater!“

Der Schluss ist wie immer eine Gruppen-Orgie, diesmal eklig: In den schwarzen Koffern sind Dummies, Gummipuppenrümpfe, für Swissair- oder Erste Hilfe-Tests, die Gesichter mit abnehmbaren Nase-MundTeil zum Üben der Beatmung. Diesen Dummies ziehen die Herren ihre Oberbekleidung an, während sie zärtlich mit ihnen reden. Dann fallen sie jäh über die Gummistümpfe her, kopulieren aufs Vielfältigste mit ihnen, schlagen sie, beschädigen sie, stellen sie wieder auf. Die Dummy-Gesellschaft! Demnächst in Berlin, beim Theatertreffen. Ein Marthaler ist eben doch ein Wert an sich.

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