Kultur : Ruppige Reise

Berlins Theater 89 zeigt „alter ford escort dunkelblau“

Christoph Funke

Das Klappern lässt sich nicht überhören, und der Auspuff erlebt seine letzte aktive Zeit. Schorse und seinen Freunden Boxer und Paul macht das nichts aus. Die Zeitarbeiter rasen in der alten Karre im Hochsommer durchs Mansfelder Land, auf der Jagd nach Träumen, nach Liebe, nach irgendetwas. Kommen sie an, finden sie etwas, das Halt geben könnte? Vielleicht, vielleicht auch nicht.

Die seltsam ruppige Reise durch eine aufgegebene Gegend skizziert Dirck Laucke in seinem Theatertext mit dem Märchentitel „alter ford escort dunkelblau“. In der Tat wird ein Märchen erzählt, das Märchen von den Verlierern, den Abgeschobenen, Wurzellosen, von Leuten, die kein Abenteuer scheuen, immer wieder gedemütigt werden und dennoch nicht aufgeben. Der Autor, mit dem Förderpreis zum Lessingpreis des Freistaates Sachsen ausgezeichnet, beschönigt das vielfache Versagen der Freunde nicht – macht aber vor allem auf ihren gesetzlosen Widerstand gegen einen Alltag aufmerksam, der sie auszulöschen droht. Die drei verbindet eine Solidarität – auch gewalttätiger Art –, gemeinsam entgehen sie um Haaresbreite der endgültigen Katastrophe, es scheint, als wache ein Engel über sie. Märchen eben, aber aus häss licher Wirklichkeit.

Hans-Joachim Frank hat das Stück im Theater 89 als Koproduktion mit der Berliner Schule für Schauspiel inszeniert, in einem atemnehmenden Tempo, ungezügelt, laut. Geschrei bestimmt die „Verständigung“ unter den Freunden – und mit Karin, Schorses Frau, der Liebe abgezwungen werden soll. Es herrscht eine Aggressivität, die Enttäuschung verbirgt, Suche nach Nähe, nach Verständnis. Nur wenige Momente der Erschöpfung räumt der Regisseur seinen Darstellern ein. Mit der Musik, vom Schlager bis zum harten Beat, schafft er eine Art neue, eigentliche Wirklichkeit für die Helden. Alexander Höchst (Schorse) und den Studenten Doreen Wermelskirchen, Mattias Hinz, Jörg Gahr gelingt es, emotionale Entladungen in gesteigertem Tempo durchzuhalten. Ihr Gefährt (Bühne und Kostüme Annette Braun), ein aus Holz gezimmertes Ungetüm wie vom Sperrmüll, kontert dabei den Überschwang mit milder Ironie.

Der Einsatz des Theaters 89 für Dirk Laucke kommt nicht von ungefähr. Denn besonders für die jungen Autoren fühlt sich die vielfach ausgezeichnete Gruppe um den künstlerischen Leiter Hans-Joachim Franck seit schon 20 Jahren zuständig. 1989 war die Gründung des Theaters, außerhalb der gewohnten Strukturen der DDR, und deshalb misstrauisch beobachtet, noch ein Wagnis. Unterstützung für diese freie Bühne gab es zunächst nicht, heute hilft die Senatskanzlei für kulturelle Angelegenheiten. Die Künstler um Hans-Joachim Franck haben durchgehalten und sind im Jubiläumsjahr zu Recht stolz auf ihre erfolgreiche „Suche nach Stoffen, Themen und Autoren, die aus einem Blick von unten die Welt betrachten und beschreiben“. 75 Produktionen sind auf die Bühne gekommen, davon 29 Uraufführungen und 16 Stückentwicklungen. Wenn es ein Theater der jungen Autoren in Berlin gibt, dann ist es dieses. Christoph Funke

0 Kommentare

Neuester Kommentar