Russenmafia : Oligarchen küsst man nicht

John le Carré erzählt in "Verräter wie wir" von den Verstrickungen der globalen Finanzwelt mit der Russenmafia.

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Fair geht vor. Der 79-jährige Schriftsteller John Le Carré. Foto: dpa-bildfunk Foto: dpa
Fair geht vor. Der 79-jährige Schriftsteller John Le Carré. Foto: dpa-bildfunkFoto: dpa

Der 7. Juni 2009 ist ein eher regnerischer Tag in Paris. An diesem Tag gewinnt der Schweizer Tennisspieler Roger Federer zum ersten Mal die French Open, gegen den Schweden Robin Söderling. Und an diesem Tag knüpfen in John le Carrés neuem Roman „Verräter wie wir“ Agenten des britischen Geheimdienstes ihren ersten direkten Kontakt zu einem russischen Oligarchen und Mafioso, der aussteigen und auspacken will, im Schutz der French Open gewissermaßen, auf dem Gelände des Austragungsortes, dem Stadion Roland Garros.

Nicht nur der Regen weist darauf hin, dass dieser Tag keineswegs ein perfekter ist: So wie das Match zwischen Federer und Söderling durch einen Flitzer gestört wird, der die Zuschauer aufscheucht und „Das gibt es doch nicht“-Schreie ausstoßen lässt, so klappt auch zwischen den Briten und dem Russen und seinen Leuten nicht alles reibungslos. „Gott, war das knapp“, flüstert eine von le Carrés Protagonistinnen, als der Flitzer endlich gestellt ist. Und ihr Begleiter fragt sich: „Knapp inwiefern? Was meint sie?“

Es dürfte für John le Carré ein großes Vergnügen gewesen sein, das French-Open-Finale mitsamt Flitzerauftritt in seinen Roman einzubauen und Reales und Fiktives effektvoll zu verweben. Die drei Tage, da er Paris und insbesondere das Roland-Garros-Gelände zum Schauplatz auserkoren hat, sind der dramaturgische Höhepunkt von „Verräter wie wir“. Hier führt der 79 Jahre alte John le Carré alle seine Figuren zusammen, selbst die, die scheinbar nur von fern mit der Handlung zu tun haben, die aber repräsentativ dafür stehen, wie eng die globale Finanzwelt und die russische Mafia miteinander verflochten sind. Hier demonstriert le Carré seine ganze Routine und Meisterschaft, erzeugt er eine schön knisternde, Spannung zumindest andeutende Stimmung. Auch das Setting ist perfekt, übrigens genau wie an den anderen Schauplätzen des Romans, auf der Karibik-Insel Antigua, in Oxford und London sowie in der Schweiz, in Bern und Umgebung.

Das Problem allerdings ist, dass man daraus schon sein Lektürevergnügen ziehen muss. Dass Schauplätze und Atmosphäre zwar stimmig sind, der Roman von Beginn an aber nicht wirklich vom Fleck kommt. John le Carré beherrscht natürlich seine schriftstellerischen Mittel, „Verräter wie wir“ wird hauptsächlich durch oft lange, komplexe Dialogsequenzen vorangetrieben, inklusive geschickt platzierter Vor- und Rückblenden. Die beiden Hauptfiguren aber, die die Geschichte in Gang bringen, die unbescholten zwischen die Fronten geraten, sind nicht unbedingt die glaubwürdigsten und überzeugendsten: der Oxford-Dozent Perry Makepiece, der in einer Sinnkrise steckt und nichts anfangen kann mit dem „Freibrief dafür, sich um die Welt jenseits der träumenden Türme Oxfords“ nicht weiter kümmern zu müssen; und seine Freundin Gail Perkins, eine junge Anwältin, die nicht weiß, ob sie Karriere machen oder mit Perry einfach nur Kinder bekommen soll. Sie stehen, so will es le Carré, „jeder für sich wie auch als Paar, an einem Scheideweg und mussten erst mal in sich gehen, und ein Urlaub auf Antigua schien dafür die ideale Gelegenheit.“

Auf Antigua begegnen Perry und Gail dem Russen Dimitri Wladimirowitsch Krasnow, genannt Dima, und seiner Entourage, bestehend aus Ehefrau Tamara, fünf Kindern und einer Reihe von Leibwächtern. Perry und Gail geraten in den Bann der Russen, warum auch immer, und das kulminiert in einer Nacht, da Dima Perry seine Lebensgeschichte erzählt und bekennt, dass er um sein Leben und das seiner Familie fürchtet und sein Firmenimperium an einen Konkurrenten abgeben will, den „Prinzen“.

Für das Porträt Dimas und seiner Familie benötigt le Carré weit über hundert Seiten, und vielmehr passiert auch nicht mehr. Der Plot des Romans besteht hauptsächlich darin, wie Dima in Paris und in der Schweiz sich nach der Überschreibung seiner Firmen möglichst gefahr- und geräuschlos in die Hände der Briten begeben will. „Verräter wie wir“ ist also sozusagen ein Roman mit dauerhaft angezogener Handbremse. Wichtiger als der Plot sind le Carré die Charakterisierung der Russen, Dimas Vita, die ihn nach 15-jähriger Gefangenschaft in einem russischen Gefangenenlager zu einem der großen Finanzmagnaten und Mafiageldwäscher Russlands aufsteigen lässt, sowie die Kunst der Geldwäsche, all das eingebettet in ein Wechselspiel aus Fair Play und Verrat, in dem nicht zuletzt der britische Geheimdienst entscheidend mitmischt. Bis zum Schluss bleibt die Frage offen, ob Dima mit seinem Wissen in England eigentlich erwünscht ist oder nicht.

Man versteht dann auch schon, dass Perry und Gail fasziniert sind von diesem Russen-Spionage-Abenteuer – und dass die politische Moral auch in der westlichen Finanzwelt und gerade nach der Finanzkrise eine mehr als zweifelhafte ist. Dass aber die beiden Spionageamateure plötzlich über die Maßen mit den merkwürdigen Russen sympathisieren („natürlich geht es mir auch um unseren Freund“, so Perry), sie sich als Schutzbefohlene für deren Kinder aufführen („weil es ein Stück wirkliches Leben bedeutet“), hat etwas sehr behelfsmäßiges, den human touch arg überstrapazierendes, da mögen Dima, Tamara und ihre Kinder noch so sehr schillern.

Wusste John le Carré in seinem letzten Roman „Marionetten“ die politische Großwetterlage („Krieg gegen den Terror“) mit einem spannenden, auch moralische Fragen diskutierenden Plot zu verbinden, gab es in seinen Büchern davor auch zunehmend komödiantische Elemente, so fällt „Verräter wie wir“ dagegen ab. Der kalte Krieg ist vorbei und Russland bei le Carré wieder ganz vorn in den Charts. Die Russenmafia, internationale Geldwäsche, Finanzkrise – alles drin, alles routiniert aufbereitet, aber ohne Tempo, bierernst, spannungsarm. Verfolgt man nur in den Medien den Prozess gegen den früheren russischen Oligarchen und Ölmanager Michail Chodorkowskij, erscheint der spannender, faszinierender als dieser Le-Carré-Roman. Manchmal kommt die Fiktion gegen die Realität einfach nicht an – selbst wenn sie sich noch so gewissenhaft bei ihr bedient.

John le Carré: Verräter wie wir. Roman. Aus dem Englischen von Sabine Roth. Ullstein Verlag, Berlin 2010. 414 S., 24, 90 €.

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