Russisch-Japanischer Krieg : Ein Krieg, den keiner mehr gebrauchen kann

Nicht aller Kriege wird gedacht: ein Besuch in der Mandschurei, wo sich einst 600 000 Russen und Japaner bekämpften.

Stefan Schomann
Der Osten besiegt den Westen: die russische Armee auf dem Rückzug nach der Schlacht von Mukden
Der Osten besiegt den Westen: die russische Armee auf dem Rückzug nach der Schlacht von MukdenFoto: Wikimedia

Im Frühjahr 1904 begibt sich Elisabeth von Oettingen, Operationsschwester in Berlin-Steglitz, auf die längste Reise ihres Lebens. Sieben Wochen lang ruckelt sie mit der transsibirischen Eisenbahn bis in den Fernen Osten, wo Japan und Russland im Krieg miteinander liegen. Dessen blutigen Höhepunkt sie am Ende in einem Frontlazarett miterlebt: Bei Mukden, dem heutigen Shenyang, kommt es Anfang 1905 zur bis dahin größten Schlacht der Geschichte. Über 600 000 Soldaten gehen im eisigen mandschurischen Winter aufeinander los, mit Krupp’schen Kanonen auf beiden Seiten. Die deutschen Zeitungen sind voll von Berichten aus diesem unerhörten Krieg – Asien wagt es, Europa herauszufordern. Selbst kleine Blätter wie die Heilbronner „Neckar-Zeitung“ bringen Neuigkeiten vom Kriegsschauplatz.

Die Vergangenheit, verschwunden und vergessen

Brennendes Lazarett
Brennendes LazarettUniversitätsarchiv Düsseldorf

Besucht man diesen jedoch heute, so erinnert nicht das Geringste mehr daran. Es gibt keine Friedhöfe, kein Museum, keine Denkmäler, keinen Diskurs. Als hätte dieser Krieg nie stattgefunden. Es werden weder Studienreisen noch Symposien noch Geschichtswerkstätten für die Oberstufe veranstaltet. Kein Trauermarsch und kein Salut, kein Händeschütteln über Gräbern, kein Fahnenschmuck und keine Beinhäuser, kein Kirschblütenhain, kein son et lumière.

Für einen Besucher aus Deutschland ein irritierender Befund. Das glatte Gegenteil unserer ebenso inbrünstigen wie automatisierten Erinnerungskultur, die sich derzeit wieder in einer Reihe von Gedenktagen manifestiert. Kaum ist der Beginn des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren absolviert, steht nun der 70. Jahrestag für das Ende des Zweiten Weltkriegs bevor. Wieder wird es eine Fülle von Publikationen und Ausstellungen geben, von Gedenkveranstaltungen und Ehrfurchtsbezeugungen.

Einst tobte hier die Schlacht, heut' tobt nur noch die Stadt

Nichts dergleichen in Shenyang. Es lebt ganz im Hier und Jetzt, lieber noch im Hier und Morgen. In weitgezogenen Sinuskurven kriecht der Hun-Fluss durch den Süden der Stadt, für die zu jener Zeit noch der mandschurische Name Mukden gebräuchlich war. Von hier stammte die regierende Qing-Dynastie. Damals tobte an den Ufern des Hun die Schlacht, heute aber tobt die Stadt, die größte im Nordosten Chinas, ein wichtiger Produktionsstandort auch für die deutsche Automobilindustrie. Auf dem einstigen Schlachtfeld ragen ganze Batterien schicker Wohntürme auf, dazwischen pompöse Hotels und futuristische Arenen.

Man blickt nach vorn und nicht zurück; hier ist kein rechter Platz für tote Seelen. Zumal der Konflikt für China demütigend war. Zwei ausländische Mächte befehdeten einander auf seinem Gebiet, aber es war zu schwach, um sie in die Schranken weisen zu können. Allein die Zahl der bei Mukden eingesetzten Soldaten entspricht dem Fassungsvermögen der zehn größten deutschen Fußballstadien, zum Bersten voll mit wilden Männern. Rund 50 000 blieben auf dem Schlachtfeld. Mit seinen erbitterten Grabenkämpfen, seinen dröhnenden Artilleriegefechten und den rauschhaften MG-Salven geriet der Russisch-Japanische Krieg zur Generalprobe des Ersten Weltkriegs. Doch anders als dieser scheint er heute wie von der Zeit verschluckt. Wo verlief die Front? Wo setzten die Japaner über den Fluss? Wo lagen die Erdbaracken, in denen die internationale Rotkreuzmission, zu der Elisabeth von Oettingen gehörte, Schutz vor dem Frost gesucht hatte?

Seite 1 von 2Artikel auf einer Seite lesen

4 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben