RUSSISCHE FILMREIHE„Erinnerung an eine Utopie“ : Enthusiasmus und Experiment

Antje Horn-Conrad

Selten waren die ostdeutschen Kinos zur alljährlichen „Woche des sowjetischen Films“ so dicht gefüllt wie in der kurzen hoffnungsvollen Zeit von Glasnost und Perestroika. In stickigen Sälen, manchmal stehend oder auf dem Boden hockend, ließ man sich bereitwillig in den Bildersog hineinziehen: in Andrej Tarkowskis endzeitlichen Film „Stalker“, in Aleksandr Askoldows einfühlsames Porträt einer Mutter werdenden „Kommissarin“ oder in Rolan Bukows bedrückende Geschichte um das Mädchen Lena, das von seinen Mitschülern als „Vogelscheuche“ (Foto) gequält und verstoßen wird.

Was bleibt von der sowjetischen Filmkunst, fragt das Potsdamer Filmmuseum im 90. Jahr der Oktoberrevolution und ermöglicht mit einer Filmreihe die „Erinnerung an eine Utopie“. Sie beginnt mit Sergej Eisensteins 1927 gedrehtem „Oktober“, einem Zeugnis des Enthusiasmus und der Experimentierfreude, mit der die jungen, von den Ideen der Revolution angestachelten Regisseure zu Werke gingen, bis Stalins Überwachungsmaschinerie jegliche schöpferische Freiheit niederwalzte. Erst nach dessen Tod begann sie wieder aufzukeimen, etwa in Andrej Kotschalowskis stiller Verfilmung von Tschingis Aitmatows Erzählung „Der erste Lehrer“. Sie handelt von einem Komsomolzen, der in einem kirgisischen Bergdorf eine Schule gründet und einem wissensdurstigen Mädchen erste Bildungschancen eröffnet. Viele dieser in den1960-er Jahren gedrehten Filme unterlagen wiederum der Zensur und gelangten erst mit der gesellschaftlichen Öffnung Mitte der achtziger Jahre ins Kino. Antje Horn-Conrad

Filmmuseum, Mo 8.10. bis Do 1.11., 5/4 €, www.filmmuseum-potsdam.de

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