Kultur : Russische Geschichte: Warum der Vielvölkerstaat keine Nation werden konnte

Mareile Ahrndt

Ein neuer Deutungsansatz für die Geschichte Russlands müsse her, fordert Geoffrey Hosking, Geschichtsprofessor in London, in seinem neuen Buch "Russland - Nation und Imperium 1552-1917". Die bisher am häufigsten verwendeten Denkmuster, die der Autokratie und Rückständigkeit, seien Symptome, nicht Ursachen: "Beide wurden dadurch hervorgerufen, dass die Schaffung und Erhaltung des Vielvölkerstaates die Entwicklung einer Nation behinderten."

Den Russen fehle es an der Identität, die ein Nationalstaat spende - diese These will Hosking begründen. Als Grundlage teilt er die Politik unter den Zaren in Theorie und Praxis ein. Der russische Imperialismus war, laut Hosking immer auch kulturell und religiös motiviert. Die Beweggründe für die Expansion in verschiedenste Landstriche ähnelten sich; die meisten resultierten aus militärischen Interessen - Landnahme, um mögliche offene Flanken zu schließen.

Der "Fortbestand des Reiches und die Wahrung seiner territorialen Integrität" habe immer absolute Priorität vor allen anderen Aufgaben genossen. Je stärker die Kultur der Völker, deren Gebiet okkupiert wurde, desto brutaler wurde vorgegangen. Im Kaukasus etwa lebten neben einer Unzahl kleiner Ethnien, die sich zum islamischen Glauben bekannten, mit den Georgiern und Armeniern zwei der ältesten christlichen Völker der Welt. Aus Angst, zwischen den beiden islamischen Großmächten Persien und Türkei zerrieben zu werden, suchten sie Schutz beim orthodoxen Russland.

Sie duldeten die Vorherrschaft der Russen - zu einem hohen Preis. Vom Ende des achtzehnten Jahrhunderts an litten sie unter der Knute der Russen. Um den militärischen Aufwand zu mindern, begann Russland später mit der Umsiedlung und Verbannung der kaukasischen Vöker. Doch deren Kulturen überstanden die Entwurzelung. Was durch die willkürlich durcheinander gewürfelten Volksstämme blieb, war eine instabile Region. Wegen "einer ewigen Erblast von Hass, Verbitterung und Rachedurst" habe sich der Kaukasus zur "dauerhaften Schwachstelle des Reiches" entwickelt.

Der Vielvölkerkerker

Getrieben vom Erhalt ihres Vielvölkerkerkers, konnten nach Hosking die Russen selbst zu keiner Nationswerdung finden. Der russische Adel wandte sich ganz der westlichen Kultur zu; Ende des 18. Jahrhunderts war es eine Frage des Prestiges, Französisch zu sprechen. Damit grenzte man sich von Lebensweise und Sprache des einfachen Volkes ab. Zwischen Ober- und Unterschicht klaffte ein tiefer Spalt, der eine gemeinsame Identität unmöglich machte.

Als das gebildete Bürgertum in Mitteleuropa das einfache Volk beim kulturellen Erwachen mitriss, stand die russische Intellegenzija nahezu ohne Kontakt zur Bauernschaft da. Bis heute hat sich die Fremdheit der Schichten untereinander erhalten, wenn auch Literatur und Kunst ein gemeinsames Dach bilden. Die Russen, befindet Hosking, sind auf dem Weg zu einer Nation, und jetzt entscheidet sich, wer ihr mitangehört.

Die Frage, ob ein starkes Nationalgefühl nötig und zeitgemäß ist, beantwortet Geoffrey Hosking kurz: Ohne Nationalstaat keine legitime Staatsmacht und kein sozialer Zusammenhalt. Das ist dann doch etwas dürftig für ein Buch, das ansonsten zu ständigem Mitdenken einlädt, zumal Schlussfolgerungen für die Gegenwart immer mitschwingen. Hoskings Geschichtsschreibung macht dennoch Spaß.

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