Russischer Kosmismus im HKW : Sieg über die Sonne

Warum sterben? Das Haus der Kulturen der Welt feiert in der Ausstellung „Art without Death“ die Utopien des russischen Kosmismus.

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Das Leben geht weiter. Filmstill aus Anton Vidokles Film „Unsterblichkeit und Wiederauferstehung für alle“. Foto: Haus der Kulturen
Das Leben geht weiter. Filmstill aus Anton Vidokles Film „Unsterblichkeit und Wiederauferstehung für alle“.Foto: Haus der Kulturen

Die korpulente Frau mit dem schulterfreien Oberteil lehnt sich zurück, hebt das Glas und öffnet den Mund zum Trinkspruch. In der Ausstellung „Art without Death“ im Haus der Kulturen der Welt hängt Solomon Nikritins Gemälde von 1928 an zentraler Stelle. Was hat die trinkende Frau mit dem russischen Kosmismus zu tun, mit der Überzeugung, die Menschheit könne mit Hilfe von Naturwissenschaft und Technik den Tod abschaffen? Der Kunsttheoretiker Boris Groys, Kurator des Ausstellungsteils „Cosmic Imagination“, entwickelt den Rundgang aus dem berühmtesten Bild der russischen Moderne, dem Schwarzen Quadrat von Kasimir Malewitsch, das hier immer wieder als Zitat auftaucht.

Aus dieser Keimzelle entstand auch die „Trinkende Frau“, die in ihrem euphorischen Rausch fast abhebt. In kleinen Zeichnungen dekliniert Solomon Nikritin das Schwarze Quadrat ironisch durch, zeichnet die Verschmelzung von Lenin und einem weiblichen Schneemann als eher skeptische Hinterfragung von Unsterblichkeit. Oder lässt eine Meldebeamtin wieder auferstehen, mit Rechenmaschine und Papierrolle in der Hand, als den Fluch ewiger Bürokratie.

1915 entwarf Malewitsch sein Schwarzes Quadrat aus dem Bühnenbild für die Oper „Sieg über die Sonne“. Weil das Bild kein Oben und Unten kennt und so die Schwerelosigkeit im All auf die Leinwand überträgt, wurde es zum Referenzpunkt für die Kosmisten. Ihr Vordenker, der Bibliothekar und Philosoph Nikolaj Fedorov, war überzeugt, dass die Menschheit nicht nur den Tod überwinden könne. Er glaubte auch, es sei die gemeinsame Pflicht, alle Toten wieder auferstehen zu lassen. Weil dann die Erde zu klein wäre, träumte er von der Besiedelung des Alls.

Filmische Recherchen neben Science Fiction Romanen

Die Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt ist in drei Kapitel gegliedert. In der großen Halle zeigt Anton Vidokle seine filmische Recherche zum Kosmismus in drei nachgebauten Mausoleen. Im Foyer lädt ein sternförmiger Lesetisch von Arseny Zhilyaev zur Lektüre ein. Besucher können hier im Schein ionisierender Lampen, deren Strahlung als lebens- verlängernd gilt, die philosophischen Schriften und Science Fiction Romane des Kosmismus studieren. Und im dritten Raum stellt Boris Groys mit „Cosmic Imagination“ den Zusammenhang zwischen der Kunst der russischen Avantgarde und dem Kosmismus her, der lange unbeachtet blieb, weil seine Vertreter von Stalin verfolgt wurden.

Vor den dunklen Wänden leuchten die Leihgaben aus der griechischen Costakis Collection wie Preziosen. Einige Bilder übersetzen die Theorie Fedorovs wörtlich. Sein Schüler Wassilij Tschekrygin malt die Auferstehung der Massen. Vis-à-vis glüht eine rote Sonne von Iwan Kljun. George Costakis, mit griechischen Wurzeln in Moskau geboren, war bis 1939 für die griechische Botschaft in Moskau tätig. 1946 begann er, seine Sammlung mit Bildern der russischen Avantgarde aufzubauen. Nach seinem Tod 1990 kaufte der griechische Staat die exquisite Kollektion und zeigt sie heute in einem Museum in Thessaloniki.

Eines der ersten Werke, das Costakis entdeckte, stammte von Olga Rosanowa, der Frau des Dichters Alexej Krutschonych, der die Verse zu „Sieg über die Sonne“ schrieb. In der Ausstellung sind die Illustrationen von Olga Rosanowa für ein anderes Gedicht ihres Mannes zu sehen. „Der Universale Krieg“ – sanft schwebende Farbpartikel aus geometrischen Formen. „Leidenschaftliche Gegenstandslosigkeit“, verspricht das Vorwort zum Gedicht.

Es fehlen die biografischen Informationen in der Ausstellung

Später lösen sich die kämpferisch formulierten, aber filigran ausgeführten Utopien in Pathos und dann in Propaganda auf. Kliment Redko versucht, Wissenschaft und Kunst zu verbinden. Er malt die Kraft von Dynamit als energetische Spirale, die sich in einem Lichtblitz entlädt. Bei dem lettischen Künstler Gustavs Klucis wirken die Konstruktionen von Radiotürmen und anderen fliegenden Geräten noch fast realistisch. 1919 erfindet Klucis die Dynamische Stadt, die durch das Universum floatet. Er gilt damit als Begründer der Fotomontage in Russland. Ende der 20er wird er ein bekannter Propagandist Stalins, fällt aber 1938 selbst den Säuberungen zum Opfer.

In der Ausstellung fehlen die biografischen Informationen. Sie wären in diesem Fall hilfreich, um im Rundgang den charmant kraftmeierischen Aufstieg der Weltverbesserungskunst nachverfolgen zu können. Ihre Kollision mit dem Dogma und späteres Scheitern wird nur spürbar, ohne dass sich die Entwicklung verifizieren lässt. Interessant ist die Gleichzeitigkeit mit zwei weiteren Ausstellungen. In Dresden räumen die Staatlichen Kunstsammlungen die Schlosskapelle dem Görlitzer Mystiker Jacob Böhme ein. Vor 400 Jahren versuchte er die neuen Erkenntnisse der Astronomie mit der Bibel in Einklang zu bringen. Und im Gropius-Bau sind gerade die expressionistischen Utopien Wenzel Habliks zu sehen, der von Kristallschlössern und intergalaktischen Siedlungen träumte.

Heute sucht womöglich die von der digitalen Revolution getaktete Gegenwart nach einem spirituellen Ausgleich. Da liegt etwas in der Luft. Doch das Scheitern der Utopien zeigt auch: Glaube und Irrationalität können Spaß machen, sind aber auch keine Lösung.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles Allee 10, bis 3. 10.; Mi bis Mo 11 – 19 Uhr.

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