Kultur : Russischer Neujahrstag: Olga rennt

Claudia Keller

So sieht eine preisgekrönte Sprinterin aus: schlanke, stromlinienförmige Statur, lange kräftige Beine. Und nicht nur zwei, sondern gleich sechs! Ihr Name ist übrigens Olga. Der Nachname war leider nicht mehr in Erfahrung zu bringen. Denn Olga ist zwei Wochen nach ihrem ebenso überraschenden wie dramatischen Sieg beim letzten Berliner Kakerlakenrennen im Juli 2000 gestorben. Olga wurde von ihrem neidischen Gegner Pamir, dem ewigen Zweiten, aufgefressen. Besitzer und Trainer Nikolai Makarov hat Olgas sterblichen Überresten eine würdige Ruhestätte geschaffen: Ein halber Flügel, zwei Beinchen und ein Viertel Fühler sind in einer braunen Samtschatulle auf einem Podest aufgebahrt. Ein Porzellanengel hält die Totenwache, der Grabstein ist in Arbeit.

Morgen, am russischen Neujahrstag, findet an eine russische Tradition anknüpfend das fünfte Berliner Kakerlakenrennen statt. Aus Moskau dazu angereist, um den legendären Ruhm ihrer Mutter zu verteidigen: Olga II. Mit ihrem fein gemaserten schwarzbraunen Mantel ist sie ihrer Mutter wie aus dem Chitinpanzer geschnitzt. Olga II ist zwar eine Newcomerin, Experten schätzen sie aber als äußerst ehrgeizig, laufstark und robust ein. "Wie ihre Mutter kann sie flink eintreten, ist fein im Schwung und bei fehlerfreiem Einsatz auf einem vorderen Rang denkbar", lässt Trainer Makarov verlauten. Und fügt an: "Pamir sollte sich vorsehen".

Pamir wird es also auch diesmal schwer haben, den Kakerlaken-Cup von Berlin, das extra Salatblatt zu erringen. Wir erinnern uns: Pamir bewies in den letzten Rennen, dass er ein eiskalter Kämpfer ist, der weiß, wie man sich bis zum letzten Zentimeter durchbeißt. Dennoch: Wer ihn in den letzten Tagen im Trainingslager, in Makarovs Terrarium in der Chausseestraße beobachten konnte, merkte ihm an, wie sehr ihn der Start von Olga II verunsichert, auch wenn er die Irritation hinter seiner rauhen Schale zu verbergen sucht. Auch wieder am Start: der schnelle, spurtkräftige Sputnik. Ein Name, der Programm ist. Wie schon sein Vater zeichnete sich Sputnik bei den letzten Rennen vor allem durch spektakuläre Aufholjagden aus. Hoffen wir, dass ihn dieses Mal nicht wieder nach der Hälfte der zwei Meter langen Rennbahn ein plötzlicher Anfall von Unlust überkommt.

Wie Makarov dieser Zeitung exklusiv gestand, habe sich bei den letzten Trainingsläufen Ivan überraschend gut platzieren können. Leider kam der fünf Zentimeter lange Schönling, der durch seine schwarze Maserung Frauenherzen im Flug erobert, immer wieder durch rüde Drohungen gegen seine Mitläufer in die Schlagzeilen. Ebenfalls morgen dabei: der trickreiche Läufer Pionier, der ausdauernde Ural und der Jüngste, Dukat.

Nicht jedem Kakerlak ist das Rennen in die Wiege gelegt. Obgleich das Völkchen, wenn es durch einen Lichtstrahl aus seiner gewohnten Dunkelheit gerissen wird, zu Höchstleistungen fähig ist. Mit 5,5 Kilometer in der Stunde ist die so genannte amerikanische Schabe das schnellste Bodeninsekt. Dass alle sieben Sprinter dieser Gattung angehören, beweist, dass es sich morgen um einen absoluten Spitzenlauf handelt. Durch zweiwöchige Trainingsläufe sind die Kandidaten zudem so gut vorbereitet wie noch nie.

Zum Prozedere des morgigen Wettbewerbs: Um 23 Uhr fällt der Startschuss für den Lauf der Herren. Es folgt der Lauf der Damen. Als Krönung schließlich, gegen Mitternacht, der gemischte Lauf, bei dem die jeweiligen Sieger der beiden ersten gegeneinander antreten. Wetteinsätze werden ab 21 Uhr entgegengenommen. Der Gewinn des Rennens, der sich vor allem aus den Einnahmen der Bandenwerbung speist, kommt der Sergej Mawrizki Stiftung, die sich der Förderung des deutsch-russischen Kulturaustausches verschrieben hat.

Die Zukunft des erfolgreichen Rennens ist gesichert. Ursprünglich wollte Makarov mit seiner "Formel K" lediglich Werbung für sein Stilles Museum machen, das im April neu eröffnet. Mittlerweile hat er sich seine Veranstaltungsidee patentieren lassen und schmiedet sogar weitergehende Pläne. Noch dieses Jahr will er mit seinen Rennschaben auf Tournee gehen und sie in London, New York und Istanbul antreten lassen. Die Stadt Istanbul ist ihm deshalb wichtig, weil dort in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts die alte russische Tradition des Kakerlakenrennens von den aus Moskau geflüchteten Exilrussen wiederbelebt wurde. Dass Flüchtlinge die Rennen neu begründet haben, hat für Makarov, der im wirklichen Leben Maler ist, symbolische Bedeutung: "Kakerlaken und Flüchtlinge werden nur geduldet, wenn ihre Zahl klein ist. Da sind sie sogar exotisch. Wenn sie in großen Mengen auftreten, will man sie nicht mehr haben." Makarov selbst lebt schon seit 1975 in Ostberlin und kennt das Schicksal vieler Flüchtlinge. Mit dem Gewinn aus der Welttournee will er Flüchtlingsorganisationen unterstützen.

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