Kultur : Russisches Roulette in Rapallo

Als die Sowjetunion hoffähig wurde: Warum die Russen den Nachlass des deutschen Außenministers Walther Rathenau behalten wollen

Wolfgang Brenner

Ein Brief aus Moskau sorgt für Verdruss im Berliner Außenministerium. Trotz bestehender Verträge zur Rückführung von Beutekunst und trotz Zusicherungen ihres Kulturministers Michael Schwydkoi wollen die Russen den in einem Moskauer Archiv gelagerten Nachlass von Walther Rathenau nicht an Deutschland zurückgeben. Moskau gedenkt, die 70 000 Blatt als Teil der „kompensatorischen Restitution“ zu behandeln.

Warum Rathenau? Was verbindet die Russen mit dem deutschen Außenminister, der am 24. Juni 1922 in der Berliner Königsallee von rechten Attentätern ermordet wurde? Es geht um die Frühzeit der Sowjetunion – und Rathenaus Rolle bei der Anerkennung des jungen Sowjetstaats.

Als Rathenau im Februar 1922 sein Amt antrat, hatten die Alliierten soeben dem deutschen Bitten um einen Aufschub der fälligen Reparations-Zahlungen entsprochen. Doch Frankreich und Großbritannien drängten darauf, dass das Reich eine zusätzliche Steuer einführte und dass der Alliierten Reparationskommission eine Kontrolle des Reichshaushaltes eingeräumt wurde. Kanzler Wirth lehnte beide Bedingungen unter dem Beifall des gesamten Reichstages ab. Man hoffte in Berlin nun auf die große Konferenz von Genua, wo die Zukunft Europas und das Schicksal Deutschlands entschieden werden sollten, eine Veranstaltung, „wie sie die Welt seit dem Berliner Kongress nicht mehr gesehen hatte“, so der Diplomat und Schriftsteller Harry Graf Kessler.

Zwei Monate vorher hatte das Politbüro Karl Radek nach Berlin geschickt, um das gemeinsame Vorgehen in Genua abzusprechen. Vor allem der Artikel 116 des Versailler Vertrages bereitete den beiden Ländern Sorgen: Wenn die Sowjets Ansprüche des Westens aus der Zarenzeit abzuleisten bereit waren, so sollten sie auch das Recht bekommen, von Deutschland Reparationszahlungen zu verlangen. Damit bestand die Gefahr, dass die sorgsam austarierte Balance zwischen Russland und Deutschland, die auf einem vernünftigen Verzicht auf gegenseitige Belastungen beruhte, durcheinander geriet. Radek signalisierte den Deutschen die Absicht, mit ihnen wirtschaftlich zusammenzuarbeiten – ohne die Bevormundung durch eine alliierte Wiederaufbaukommission.

Der neue Außenminister Rathenau setzte alles daran, ohne die Hypothek eines bilateralen Vertrages mit Sowjetrussland in Genua vor die Alliierten treten zu können. In Italien sollte sich dennoch auf dramatische Art zeigen, dass seine Erfüllungspolitik nicht aufging. In äußerster Not vollführte der Außenminister im Vertrag von Rapallo eine Wende, die Deutschland und die junge Sowjetunion wieder in den Kreis der Großmächte katapultierte. Die wirklich mächtigen Teilnehmer der Genueser Konferenz haben keinen Fuß nach Rapallo gesetzt. Dort gaben sich die Underdogs ein Stelldichein, die beiden Parteien, für die es ums blanke Überleben ging: Deutschland und Russland.

Das junge Sowjetreich galt nach seinem vorzeitigen Austritt aus dem Ersten Weltkrieg weder als Sieger noch als Besiegter. Deshalb hatte Russland bei der Verteilung des großen Kuchens nichts zu melden. Die Franzosen versuchten allerdings, die roten Kommissare auf ihre Seite zu ziehen, um Deutschland so weiter zu isolieren.

Rathenau bewegte sich in diesem Kraftfeld alles andere als sicher und mit klarem Instinkt. Als Ago von Maltzan, die graue Eminenz im deutschen Außenministerium, die wie ein atemloser Bote ständig zwischen den Quartieren der Mächte hin- und her- eilte, Rathenau in der entscheidenden Nacht in seinem Hotelzimmer aufsuchte, überfiel der seinen Staatssekretär mit der Frage: „Was bringen Sie mir? Mein Todesurteil?“

Der Franzose Barthou überredete den britischen Premierminister dazu, in seinem Quartier in der Villa de Albertis einen Privatkreis einzurichten, von dem die Deutschen ausgeschlossen waren. Den Russen sollte das Recht zugestanden werden, Kriegsentschädigung zu verlangen. Den Deutschen hingegen wurde jegliches Recht, von Russland, mit dem es ja einen Friedensvertrag hatte, Ähnliches zu fordern, abgesprochen. Rathenau wühlte dieser Vorgang tief auf. Er versuchte fieberhaft, einen Termin beim Briten Lloyd George zu bekommen. Das tat er drei Mal hintereinander. Ohne Antwort.

Mittlerweile war aus der hermetisch abgeschlossenen Villa de Albertis einiges nach draußen gedrungen. Die Franzosen hatten den Russen zugesichert, dass sie, falls sie die Vorkriegsschulden, die der Zar ihnen eingebrockt hatte, anerkannten, von Deutschland erhebliche Warenlieferungen verlangen konnten. Diese Einbeziehung russischer Forderungen in das ohnehin schwierige Reparationsgefüge hätte Deutschland wirtschaftlich erdrückt.

Am Samstagnachmittag ging im Hotel der deutschen Delegation ein Anruf vom russischen Gesandten in Berlin, Adolf Abramowitsch Joffe, ein: Die Russen wollten mit Deutschland in neue Verhandlungen eintreten. Joffe bat Rathenau, sich am nächsten Morgen im wenige Kilometer entfernten Rapallo einzufinden. Rathenau schlug den Russen vor, den Vertrag, der in Berlin vorbereitet worden war, zu unterzeichnen. Das geschah am Ostersonntag 1922, um 18 Uhr 30. Doch was Rapallo wirklich vorsah, ging in dem folgenden Trubel unter. Russland und Deutschland verzichteten gegenseitig auf Reparationsforderungen. Sie nahmen wieder diplomatische Beziehungen auf. Eine antiwestliche Absicht oder gar militärische Ambitionen enthielt der Vertrag nicht. Es gab auch keine geheimen Klauseln, von denen in der nachfolgenden Schlammschlacht die Rede war.

In Frankreich interpretierte man den Vertrag trotz seiner wirtschaftlichen Ausrichtung als ein Militärbündnis - und zwar zu dem Zweck, die Annexion des Ruhrgebietes durch französisches Militär zu verhindern. Es erschienen fast täglich Leitartikel, die auf einen neuen Krieg einstimmten. Rathenaus Verdienst wurde in Berlin zähneknirschend honoriert. Wirklich hart griffen ihn nur die Vertreter des völkischen Flügels der DNVP an. Wilhelm Henning schrieb in der „Konservativen Monatsschrift“: „Die deutsche Ehre ist keine Schacherware für internationale Judenhände.“

Durch Rapallo wurde die Sowjetunion international hoffähig. In Berlin skandierten die radikalen Antisemiten in den Straßen: „Auch der Rathenau, der Walther, erreicht kein hohes Alter.“

Mord lag in der Luft.

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