Kultur : Russkaq duwa

Russische Seele

Claudia von Salzen

Die „russkaja duscha“ ist ein Mythos und wie alle Mythen wahr. Er hat Selbstbild und Fremdbild der Russen bestimmt. „Du hast eine russische Seele“ ist das schönste Kompliment, das ein Ausländer zu hören bekommt. Die Russen wiederum haben diesen Mythos in unzähligen Liedern besungen und in Gedichten gewürdigt – selbst die Internet-Generation veröffentlicht heute stolz Gedichte mit Titeln wie „Meine russische Seele“. Im 19. Jahrhundert war diese romantische Idee noch eine willkommene Abgrenzung zum Westen, eine Vergewisserung des Eigenen.

Der Mythos der russischen Seele lebt von seiner Uneindeutigkeit, er besteht aus Tausenden von Mosaiksteinchen: Dostojewskijs düstere Gestalten, die „rechtgläubige“ Orthodoxie, Ý Tschaikowskij und seine Opern, die Weite der russischen Landschaften, Ilja Repins Bilder, das Petersburg des 19. Jahrhunderts, die melancholischen Verse von Ý Puschkin und sein Tod im Duell, die unvermeidlichen Ý Balalaika-Klänge und die Ý Wodka-Nächte. Ein Mensch, der sich seiner russischen Seele rühmt, meint damit Eigenschaften wie Innerlichkeit, Gefühlsbetontheit, Güte, Melancholie und Einfachheit. Am Ende hat der Mythos auch die so gar nicht seelenvolle Sowjet-Ära unbeschadet überstanden. Was die russische Seele genau ist? Das können selbst viele Russen nicht richtig in Worte fassen. Deshalb sprechen sie gern von der „zagadotschnaja russkaja duscha“, der geheimnisvollen russischen Seele.

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