Kultur : Russkij qyzk

Russische Sprache

Claudia von Salzen

Einfach wird sie es Ihnen nicht machen. Die russische Sprache hat ihre Tücken. Bedrohlich stellen sich zunächst die Zischlaute sch, tsch und schtsch in den Weg. Dann nähert sich das noch bedrohlichere R, das ganz vorn an der Zunge gerollt werden muss (manch einer lernt das leider nie). Die übrigen Konsonanten lieben die Veränderung: Sie werden mal hart, mal weich ausgesprochen.

All das haben Sie schon glücklich überwunden? Gut. Denn Achtung: Jetzt kommt die kyrillische Schrift. Sie verändert all das, was man bisher für sicher gehalten hat. Erleichtert aufgeatmet, weil Sie unter den Buchstaben ein paar alte Bekannte getroffen haben? Vergessen Sie’s. Der Buchstabe P ist kein P. Sondern ein R. Das C ist ein S, das H ein N. Die vielen Zischlaute tanzen währenddessen vor Ihren Augen munter durcheinander. Und je nach künstlerischer Begabung kann es lange dauern, bis man nicht nur die Druckbuchstaben, sondern auch die Schreibschrift einigermaßen wiedererkennbar zu Papier bringt.

Damit sind die Untiefen allerdings noch längst nicht überwunden. An vielen Stellen ist die russische Sprache viel spitzfindiger als die deutsche. Bei Verben in der Vergangenheitsform will sie genau wissen, ob etwas vollendet wurde oder unvollendet blieb. Habe ich das Buch gelesen oder durchgelesen, Wasser getrunken oder ausgetrunken, die Prüfung abgelegt oder bestanden?

Entscheiden muss sich auch, wer eine Bewegung beschreiben will: Bin ich einfach nur (ziellos) durch den Park oder direkt ins Büro gegangen? In beiden Fällen hat das Russische ein eigenes Wort für „gehen“. Zu jeglichem Besitz hat die russische Sprache zudem ein besonders kompliziertes Verhältnis. Das Wort „haben“ existiert einfach nicht. Statt „ich habe ein neues Auto“ sagt man „bei mir ist ein neues Auto“. Und das Wort „sein“ lässt sich am liebsten gar nicht blicken – es wird einfach weggelassen.

Warum Sie sich das alles trotzdem antun sollten? Russisch ist schön: Wer sich einmal mit all diesen kleinen Schwierigkeiten abgefunden hat, entdeckt eine unglaublich kraftvolle, ausdrucksreiche Sprache. Russisch ist praktisch: Damit können Sie sich von Warschau bis nach Wladiwostok durchschlagen (auch wenn in Osteuropa inzwischen viele Menschen lieber Englisch sprechen, aber das ist eine andere Geschichte). Und Russisch ist Literatur: Vergessen Sie alle Übersetzungen. Endlich können Sie Ý Achmatowa, Ý Puschkin und Dostojewskij (Ý Idiot) im Original lesen.

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