Kultur : Russkij temp

Russisches Tempo

Jens Mühling

Zuerst war Russland eine große, schwerfällige Galeere. Dann kam Lenin, befreite die Rudersklaven von ihren Ketten und paukte der Sowjetunion den neuen Takt ein: „Dognat i peregnat!“, trommelte es fortan vom Schiffsbug: den Kapitalismus ein- und überholen! In revolutionärem Tempo an den Klippen des Kapitalismus vorbeihalsen und schnurstracks in den Hafen des Kommunismus einlaufen, so stellte sich der große Steuermann das vor. Denkste!

Recht behalten sollte letztlich der Genosse Walter Ulbricht, der sich aus der sozialistischen Peripherie mit dem Vorschlag zu Wort gemeldet hatte, man solle doch den Kapitalismus überholen, ohne ihn einzuholen. Genau das ist aber passiert: Nach Meinung heutiger Wirtschaftstheoretiker ist Russland nach dem Ende des sowjetischen Traums direkt ins Stadium des so genannten „Hyper“- und „Raubtierkapitalismus“ gesprungen, womit das ungezügelte Profitstreben aller ökonomischer Akteure gemeint ist – in evolutionärer Abgrenzung zum wohlfahrtstemperierten Hauskatzenkapitalismus westeuropäischer Prägung.

Den gemeinen russischen Raubtierkapitalisten trifft man im Lebensmittelladen an der Ecke, so dunkel, trübe und ärmlich sein Reich vielleicht auch aussehen mag. Hinter dem Tresen lauert er auf Profit. Um keine Sekunde zu verschenken, beschäftigt er sich so lange mit wichtigeren Dingen, bis der eingetretene Konsument unmissverständlich eine Kaufabsicht geäußert hat. Erst dann signalisiert ein brüskes „Ich höre!“ den Beginn der geschäftlichen Transaktion.

Lauernd wartet der Kapitalist die Bestellung ab und schleicht dann auf Raubtiersohlen durch den ganzen Laden. Man lasse sich von der Langsamkeit seiner Bewegungen nicht täuschen! Während der Kapitalist scheinbar träge das Wechselgeld abzählt, überschlägt er im Kopf mit atemberaubender Geschwindigkeit seine Aktiengewinne. Ein Raubtiergähnen signalisiert den Abschluss des Geschäfts, der Konsument darf gehen. So ungefähr läuft das heute in Russland. Und wenn wir bei dieser globalen Evolutionsregatta nicht den Anschluss verlieren wollen, dann sollten wir uns bald dieses Gähnen abgucken: Diese Müdigkeit hilft uns schon noch auf die Beine.

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