Kultur : Russland: An der Schwelle nach Europa

Eduard Gloeckner

Präsident Putin scheint wie Russland selbst ein Buch mit sieben Siegeln zu sein. Was geht in dem Land eigentlich vor? Welches Erbe hat Wladimir Putin übernommen, wie wird er es verwalten? Eine Reihe von Russlandkennern legt uns einen Sammelband von Analysen und Materialien vor, der die politischen, wirtschaftlichen und historisch-kulturellen Hintergründe dieses Landes zwischen Europa und Asien beleuchtet.

Aber Russland reformiert sich nur allmählich. Eigentlich steht dieses Land an der Schwelle zu einer neuen Epoche, an der Schwelle nach "Europa". Die neugewählte Führungsspitze in Moskau muss sich freilich gut überlegen, wie weit sie das westliche EU-Europa als politisch eigenständige Großmacht ernst zu nehmen hat oder es nur wie bisher in wirtschafts- und handelspolitischer Sicht in ihr politisches Kalkül einbezieht. Gerade Heinz Timmermann markiert diesen Zwiespalt und stellt die Frage, inwieweit die neue politische Klasse Russlands sich wirklich Europa gegenüber öffnen und seine Werte von Demokratie, Menschenrechten, Toleranz und Rechtsstaatlichkeit übernehmen möchte.

Angesichts der Osterweiterung der EU muss Moskau versuchen, durch Kooperation mit Brüssel ein Gefühl der Ausgrenzung zu vermeiden, also neue Bruchlinien zu verhindern. So hat Russland einen Partnerschafts- und Kooperationsvertrag mit der EU geschlossen und beteiligt sich an subregionalen Organisationen der EU wie in der Barentssee oder im Grenzraum mit Finnland. Ein weiteres - wenngleich wegen des Kriegs in Tschetschenien heikles - Instrument ist Russlands Mitgliedschaft im Europarat. Er ist die einzige exklusiv gesamteuropäische Organisation.

Die wirtschaftliche Lage, Kapitalflucht und Verschuldung gegenüber dem Westen, vor allem Deutschland, hat Russland in eine Schuldenfalle abdriften lassen. Was erhofft man sich von weiteren Milliardenhilfen? Oder muss man an Russland einfach nur glauben? Aber an welches? An das europäische oder das asiatische Russland? Auf diese Janusköpfigkeit des russischen Wappenadlers verweist Gudrun Wacker in ihrem Beitrag über Russlands Rolle im asiatisch-pazifischen Raum.

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