Russland : Don Putin

Moral und Prinzipien? In Putins Welt ist alles verhandelbar. Wer Russland verstehen will, muss den "Paten" lesen.

Garri Kasparow
Putin
Der Herrscher: Wladimir Putin vor einem historischen Zaren-Thron. -Foto: AFP

Als Wladimir Putin 2000 die Macht in Russland übernahm, fragte die ganze Welt: "Wer ist Mister Putin?“ Heute lautet die Frage: "Was hat Putin aus Russland gemacht?" Denn obwohl das russische Regime bemerkenswert konsistent handelt, zeigen sich ausländische Politiker und westliche Medien immer noch überrascht über Putins völlige Gleichgültigkeit gegenüber ihren Reaktionen.

Immer wieder hören wir den gleichen Aufschrei: "Merkt Putin denn nicht, wie schlecht das rüberkommt?" Wenn wieder einmal ein russischer Journalist ermordet wird oder ein dem Kreml nicht genehmer Geschäftsmann im Gefängnis landet, wenn die Geschäftsbeteiligungen ausländischer Firmen rückgängig gemacht werden und Demonstranten von Polizisten verprügelt werden, wenn Gas- und Öllieferungen als Druckmittel eingesetzt werden und russische Waffen an Terror-Sponsoren wie Iran und Syrien verkauft werden – dann muss gefragt werden, was für eine Art von Regierung sich beharrlich ein solches Verhalten leistet. Denn das Wertesystem des Kreml-Regimes unterscheidet sich fundamental von dem der westlichen Länder, die begreifen wollen, was hinter den mittelalterlichen roten Mauern vor sich geht.

Mister Putins Regierung ist geschichtlich einzigartig. Dieser Kreml ist zum Teil eine Oligarchie, mit einer kleinen, eng verschworenen Bande wohlhabender Bosse. Zum Teil ist er ein Feudalsystem, unterteilt in halbautonome Lehensgüter, in denen entrechteten Sklaven Geld abgepresst wird. Und über all dem liegt eine demokratische Farbschicht, die gerade dick genug ist, um Russland den Zugang zu den G8 zu sichern – und den Oligarchen den Zugang zu ihren westlichen Bankkonten.

Wenn aber Sie, lieber Leser, Putins Regime wirklich verstehen wollen, dann empfehle ich Ihnen etwas Lektüre. Keinen Karl Marx, keinen Adam Smith, auch nichts von Machiavelli, obwohl der gesuchte Autor italienischer Abstammung ist. Lassen Sie Mussolinis "Doktrin des Faschismus" zunächst links liegen, überspringen Sie die ganze Politologie-Abteilung. Begeben Sie sich stattdessen direkt zur Belletristik und nehmen Sie alles mit, was Sie von Mario Puzo finden können. Wenn Sie es eilig haben, können Sie auch bei den DVDs nachsehen, da werden Sie Puzos Werke als Filme finden. Seine Trilogie "Der Pate" ist ein guter Anfang, aber halten Sie auch Ausschau nach "Der letzte Don", "Omertà" und "Der Sizilianer".

Betrügerische Netzwerke, Geheimnistuerei, verschwommene Trennlinien zwischen Geschäftswelt, Regierung und Kriminalität – all das werden Sie in Puzos Büchern finden. Historiker erkennen im heutigen Kreml Elemente von Mussolinis "korporativem Staat", von lateinamerikanischen Juntas und Mexikos pseudodemokratischer Revolutionspartei PRI. Ein Puzo-Fan aber versteht die Putin-Regierung besser: die strenge Hierarchie, die Erpressungen und Einschüchterungen, die Codes der Geheimhaltung – und vor allem das Mandat, Erträge fließen zu lassen. In anderen Worten: Wir haben es mit einer Mafia zu tun. Wenn ein Mitglied des inneren Zirkels gegen den Paten rebelliert, ist sein Leben verwirkt. Michail Chodorkowski, einst Russlands reichster Mann, wollte sauber werden und seine Ölfirma Jukos als legitimes Unternehmen führen, nicht mehr als ein Rädchen in Putins KGB-Getriebe. Er fand sich in einem sibirischen Gefängnis wieder, seine Firma wurde auseinandergenommen, ihre Teile vom staatlichen Mafia-Apparat aufgesogen. Und Jukos wurde zum Modellfall: Private Firmen werden vom Staat absorbiert, während die Erträge staatlicher Firmen auf Privatkonten fließen.

Im Fall Litwinenko werden verschiedene Sprachen gesprochen

Alexander Litwinenko war ein KGB- Agent, der das Loyalitätsgebot brach, indem er nach Großbritannien floh. Schlimmer noch: Er verletzte die "Omertà", das Schweigegelübde der Mafia, indem er mit der Presse sprach und Bücher über die schmutzigen Taten Putins und seiner Fußsoldaten schrieb. Anstatt im guten altmodischen Paten-Stil beim Angeln ertränkt zu werden, wurde sein Mord in London zum weltweit ersten Fall von nuklearem Terrorismus. Jetzt weigert sich der Kreml, den Hauptverdächtigen auszuliefern – weil Putin nicht glauben kann, dass Großbritannien das Leben eines einzigen Mannes wichtiger sein könnte als britische Geschäftsinteressen. Das ist für Putin ein unvorstellbares Konzept. In seiner Welt ist alles verhandelbar: Moral und Prinzipien sind nur Jetons auf dem Spieltisch des Kremls.

Im Fall Litwinenko geht es nicht um Missverständnisse; hier werden verschiedene Sprachen gesprochen. In der zivilisierten Welt sind bestimmte Dinge sakrosankt. Menschenleben werden nicht am gleichen Tisch verscherbelt, an dem über Geschäfte und Diplomatie gesprochen wird. Für Putin dagegen ist alles ein Spiel ohne Grenzen: Der Kosovo, der Raketenabwehrschild, Pipeline-Deals, das iranische Nuklearprogramm, demokratische Rechte – all das sind für ihn nur Spielkarten.

Nach Jahren der Missachtung russischer Gesetze, die im Ausland folgenlos blieb, sollte es nicht überraschen, dass Putin sein Konzept jetzt auf die internationalen Beziehungen ausweitet. Andrej Lugowoj, der Mann, dem der Mord an Litwinenko zur Last gelegt wird, gibt Autogramme und erfreut sich der Unterstützung der russischen Medien, die nichts ohne Ermunterung des Kremls tun.

Seit sieben Jahren versucht der Westen, den Kreml mit guten Worten und Nachgiebigkeit umzustimmen. Man glaubte offenbar, man könne Putin und seine Gang in die westlichen Beziehungen integrieren. Das Gegenteil ist geschehen: Die Mafia korrumpiert alles, was sie berührt. Tauschgeschäfte mit Menschenrechten wirken plötzlich akzeptabel. Der Kreml ändert seine Standards nicht: Er nötigt sie der Außenwelt auf. Westliche Politiker und Geschäftsleute verleihen dem Kreml den Stempel der Legitimität; der Kreml macht sie zu Komplizen seiner Verbrechen.

Die Versuchung, sich an den Kreml zu verkaufen, ist bei den heutigen Energiepreisen so etwas wie ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Gerhard Schröder ließ sich von Putin die Geschäftsbedingungen diktieren, und nachdem er als Kanzler die Ostsee-Pipeline durchgedrückt hatte, wartete nach seiner Abwahl ein Gasprom-Job auf ihn. Auch Silvio Berlusconi setzte sich für Putin ein. Und heute erleben wir, wie Nicolas Sarkozy eine Teilhabe der französischen Energiefirma Total am russischen Stokman-Gasfeld ermöglichen will. Kann Sarkozy sich noch für die Interessen Großbritanniens stark machen, wenn er mit Putin dicke Deals abschließt? Er könnte sein blaues Wunder erleben, wenn Gordon Brown eines Tages Putin ans Telefon bekommt und anbietet, die Ermittlungen gegen Lugowoj fallen zu lassen: Plötzlich könnte beim Stokman-Deal BP den Vorzug vor Total erhalten.

Wir in der russischen Opposition sagen seit langem, dass unser Problem bald ein Problem der Welt sein wird. Die Mafia kennt keine Grenzen. Nuklearer Terrorismus ist kein Tabu mehr, wenn er den Geschäftsinteressen des Kremls dient.

Wie wäre es damit, den russischen Eliten den Zugang zu ihren Besitztümern im Westen abzuschneiden? Denn ironischerweise bewahren sie ihr Geld gerne dort auf, wo sie auf die Herrschaft der Gesetze vertrauen können. Nur für Skiausflüge in die Alpen haben sie in letzter Zeit ein bisschen viel ausgegeben, deshalb holen sie sich die Skigebiete jetzt nach Russland – indem sie sich die Olympischen Winterspiele gekauft haben. Die Mafia nimmt, sie gibt nicht. Putin hat verstanden, dass er bei Geschäften mit Europa und Amerika wertlose Reformversprechen gegen kaltes, hartes Geld tauschen kann. Auch Lugowoj könnte noch auf dem Grabbeltisch landen.

Garri Kasparow ist ehemaliger Schachweltmeister und leitet das russische Oppositionsbündnis „Vereinigte Bürgerfront“. © The Wall Street Journal. – Aus dem Englischen von Jens Mühling.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben