Kultur : Russland ist noch immer ein feudaler Staat

Der Moskauer Schriftsteller Vladimir Sorokin über Tschetschenien, Yuppies und die Zerstörung seiner Bücher

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Herr Sorokin, die Geiselnahme im Moskauer MusicalTheater ist blutig zu Ende gegangen. 117 Tote wurden bisher gezählt, und bis auf zwei sind alle wohl durch das beim Érstürmen des Gebäudes eingesetzte Gas gestorben. Geht Präsident Putin aus dieser Krise gestärkt hervor?

Präsident Putin steht nach dem Ende des Geiseldramas als Sieger da. Es hat für russische Verhältnisse wenig Blutvergießen gegeben, und ich bin sicher, dass sein Ansehen gestiegen ist. Allerdings führt der Weg der Gewalt, den Russland in Tschetschenien geht, in eine Sackgasse. Der Krieg in Tschetschenien muss beendet werden, und diejenigen irren, die behaupten, das sei unmöglich. Es gibt in der internationalen Politik genügend Beispiele dafür, wie solche Konflikte gelöst werden können. Gewalt ist im 21. Jahrhundert nicht das richtige Mittel, um territoriale Streitigkeiten und nationale Konflikte zu lösen.

Im Juli dieses Jahres hat eine rechte Organisation in Moskau Ihre Bücher vor dem Bolschoi-Theater zerreißen und in ein riesiges Klo werfen lassen. Wegen angeblicher „Verbreitung von pornographischem Material“ in Ihrem Roman „Der himmelblaue Speck“ soll Ihnen nun der Prozess gemacht werden. Sind Sie ein Opfer der ewig Gestrigen?

Noch sitze ich ja nicht im Gefängnis. Aber dass auf dem zentralen kulturellen Platz des Landes, dem Platz vor dem Bolschoi-Theater, Bücher vernichtet werden, so etwas war in Russland bisher undenkbar.

Geht es bei der Kampagne denn wirklich um Ihren Roman „Der himmelblaue Speck“?

Es geht um eine konservative Kulturrevolution. Nach der Zähmung von Presse und Fernsehen soll nun die Literatur an die Kandare genommen werden. Abgeordnete der Staatsduma haben unter Jelzin versucht, ein Pornographie-Gesetz einzubringen, um einen Hebel für Zensur zu haben. Doch sie sind gescheitert. Es wird sich jetzt ziemlich schnell herausstellen, dass ich eigentlich gar nicht verurteilt werden kann, weil es kein entsprechendes Gesetz gibt. Und diejenigen, die in Russland Ordnung schaffen wollen, werden dann sagen: Guckt mal, was dieser Autor alles schreibt, und wir können ihn dafür noch nicht einmal zur Rechenschaft ziehen!

Schreiben Sie der Literatur nicht zu viel Macht zu? Die Verkaufsstände in Russland sind voll von Unterhaltungsromanen oder gar Schund. Wenn man die Literatur kleinhalten will, so könnte man doch seelenruhig zusehen, wie sie sich selbst ins Aus schreibt.

Nein, Russland ist bis heute ein literaturzentriertes Land. Bei uns gibt es Skinheads, Faschisten, rechtsextreme Rockgruppen, alles, was man sich nur vorstellen kann. Doch das Bedürfnis, Ordnung zu schaffen, hat sich als erstes gegen einen Autor gerichtet. Natürlich hat das Fernsehen die Literatur stark zurückgedrängt, und seit den Aktionen gegen NTV gibt es so gut wie keinen unabhängigen Sender mehr. Die Schriftsteller aber werden bis heute nicht vom Staat kontrolliert.

Während die Rechtsradikalen Ihre Bücher zerreißen, ist in Russland eine neue Kreml-Generation zu beobachten, die mit Versatzstücken sowjetischen Lebens spielt und sie als Hülle nutzt, um Politik zu machen. Was sind das für Leute?

Das sind postsowjetische Yuppies, Leute um die Dreißig, die wie im Westen leben wollen, aber eben in Russland. Postsowjetische Beamte mit Kleinbürgerästhetik. Kultur ist für sie so etwas wie ein Haustier, das man streicheln und ein wenig füttern kann. Wassili Jakimenko etwa, der Chef der Organisation, die mich verfolgt, ist ein kleiner Mensch mit großen Komplexen und noch größeren Ambitionen. Die „Zusammengehenden“ sind für ihn eine Art Trampolin, um nach oben zu kommen. Seinen Platz sieht er in der Staatsduma oder in der Regierung. Er möchte jetzt beweisen, dass er für den Staat von Nutzen ist.

Woher das Interesse dieser jungen Leute an der Macht?

Es ist in Russland sehr schnell klar geworden, dass Geld nicht alles ist. Worauf es vor allem ankommt, ist Macht. Russland ist immer noch ein feudaler Staat, und in einem solchen Staat ist Geld nicht wichtig. Man kann ein noch so großes Vermögen haben: Wenn man auch nur einen Punkt in der Hierarchie übersieht, verliert man innerhalb von einer Minute alles.

Der Philosoph Michail Ryklin unterstellt Ihnen und Ihrem Verleger Alexander Iwanow in der aktuellen deutschen Ausgabe von „Lettre International“, im Grunde gemeinsame Sache mit jenen zu machen, die gegen Sie Klage führen. Sie geben, sagt Ryklin, das „Opfer“, schlagen aus dem Verfahren vor allem Starruhm und kommerziellen Gewinn und verraten damit die Überzeugungen der Vergangenheit.

Das ist der Vorwurf eines Marginalen, der sich daran stößt, dass ich nicht mehr mit ihm im Underground in der Ecke der Marginalen sitze. Und Alexander Iwanow wirft er vor, jetzt die falschen Leute zu drucken. Früher, als Alexander Iwanow mit kleinen Taschenbuchausgaben angefangen und auch Bücher von Michail Ryklin gedruckt hat, hatte er nichts gegen ihn.

Aber ein Star sind Sie trotzdem.

„Der himmelblaue Speck“ lief immer gut. Vor der Aktion gab es 55000 verkaufte Exemplare, jetzt sind es 117000. Was ist schlecht daran, wenn ein Buch sich gut verkauft? Ich schreibe nicht anders als früher. Ich bin immer noch derselbe Wurm, der überall hin kriecht, wo lebendiges Fleisch sitzt. Im übrigen ist ein Strafverfahren keine Werbekampagne. Es ist ein Strafverfahren.

I n Ihrem neuen Roman „Eis“, der im nächsten Jahr auf deutsch erscheinen wird, geht es darum, die Herzen der Menschen aufzuwecken. Ist „Eis“ das Buch eines Moralisten?

„Eis“ ist ein Roman über den Verlust der Natürlichkeit und Aufrichtigkeit, die in jedem von uns schlummert. Bei manchen wird sie ein Leben lang nicht geweckt, doch bei manchem erwacht sie auch. Ich habe irgendwann gemerkt, dass wir alle wie Maschinen sind. Unser Leben besteht aus hunderten von mechanischen Bewegungen. Bei der Bank, beim Einkaufen, in der Familie, alles läuft nur noch mechanisch ab, selbst beim Sex sind wir wie Automaten. Das hat bei mir eine wachsende Depression ausgelöst.

Nun wäre es nicht ein Buch von Vladimir Sorokin, wenn es in „Eis“ nicht diese Sekte gäbe, die die Herzen der Menschen mit Gewalt zum Sprechen bringt. Kann man den Menschen nur mit Gewalt zu ihrem Glück verhelfen?

Was sieht ein Kind, das seine Eltern beim Sex überrascht? Der Vater liegt auf der Mutter, es hat den Anschein, als wolle er sie ersticken, beide stöhnen – das sieht nach schrecklicher Gewalt aus, doch für die beiden ist es schön. Gewalt heißt nicht immer, dass einem Schaden zugefügt wird. Oft ist es so, dass man erst mal einen Schock braucht, um etwas zu empfinden. Ich kann nicht sagen, dass diese Sekte mein Ideal wäre, aber es ist ein Bild, eine Möglichkeit, die Menschen wachzurütteln.

Es fällt auf, dass Tiere in Ihren letzten Büchern eine besondere Rolle spielen.

Wenn es keine Tiere gäbe, wäre diese Welt unerträglich. Tiere erinnern uns daran, dass wir nicht vollkommen sind. Sie befinden sich in Einklang mit der Natur, sind vollkommene Wesen. Ortega y Gasset sagte einmal: Der Mensch ist unendlich biegsam, man kann aus ihm alles Mögliche formen, einen Hund, eine Katze, einen Baum. Aus einer Katze kann man nie einen Hund machen. Sie entspricht ihrem Namen. Der Mensch hat seinen Namen noch nicht gefunden.

Ein anderes Thema Ihrer jüngsten Bücher ist Asien – etwa mit dem Gedanken, China werde im Jahr 2068 über Russland herrschen. Sie hatten von 1999 bis 2001 eine Gastprofessur in Japan, gerade kommen Sie von einer Reise aus China zurück. Was bringt Asien Neues?

Asien ist wie ein junger, energiegeladener, wachsender Organismus. Wenn man aus Asien kommt, sieht man Russland und Europa mit anderen Augen. Russland liegt ohnehin zwischen Europa und Asien. Russland hat viel Asiatisches an sich, eine Ausrichtung allein nach Westen bringt da nicht viel. Und in Europa sind viele Menschen wie Maschinen. Das Gefährliche an Maschinen ist ihre Gleichgültigkeit. Es gibt so viel Stillstand und Lethargie im Westen. Worauf es ankäme, das wäre ein Austausch von Energie, eine Symbiose. Eine Auffrischung von altem Blut. China könnte da durchaus hilfreich sein.

Das Gespräch führte Katharina Narbutovic. Vladimir Sorokin liest an heutigen Dienstag um 20 Uhr im Literarischen Colloquium Berlin. Es moderiert Ingo Schulze.

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