Russland : Puschkin statt Proteste

Während seine Regierung Sondereinheiten gegen Demonstranten, die Demokratie fordern, ins Feld schickt, besucht Vladimir Putin ausgerechnet ein Museum.

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Es ist nicht leicht dieser Tage für Russlands Ministerpräsidenten Vladimir Putin. Trotz der Anweisung an alle Provinzgouverneure, bei den Duma-Wahlen 60 Prozent der Wahlstimmen für seine Partei zu liefern, haben etliche Landstriche gepatzt, und selbst in der Hauptstadt Moskau kam keine überzeugende Mehrheit zustande. Im Gegenteil. Es bedurfte massiver, dummdreister Manipulationen, um wenigstens in die Nähe der 49 Prozent zu kommen, die jetzt als offizielles und gleichwohl entlarvend ärmliches Ergebnis verkündet werden.

Die russischen Bürger, die in Moskaus Straßen gegen Wahlfälschung demonstrieren, machen den Staatsapparat nun nervös. Trotz der – altbekannten – Brutalität der „Organe“ entgleitet dem Kreml mehr und mehr die Kontrolle. Übers Internet erfahren alle politisch Interessierten, was die gegängelten Medien verschweigen. Im Netz herrschen Hohn und Spott anstelle der Angst, die der zum FSB weichgespülte alte KGB zu verbreiten hofft.

Und was macht der Putin an einem solchen Abend? Er geht ins Museum. Ja, Ministerpräsident Putin, den wir als Judokämpfer und Mustang-Reiter kennen und was der Männlichkeitsrituale mehr sind, sucht Entspannung bei den Musen. Das Staatliche Puschkin-Museum ist sein Ziel, ein zuverlässiger Verbündeter aller Herrschenden von Stalin bis eben Putin, der am Dienstagabend der unverwüstlichen Direktorin Irina Antonowa (89) seine Aufwartung machte. Besichtigt wurde die aktuelle Caravaggio-Ausstellung. Caravaggio! Bei dem geht’s meist drastisch zu, in jeder Hinsicht, aber vielleicht brauchte Putin genau diese starke Prise, um sich Ablenkung zu verschaffen.

Danach, so zeigte es das Fernsehen, betrachteten Putin und Frau Antonowa – übrigens seit 50 Jahren im Amt – ein Holzmodell der geplanten Museumserweiterung, aber ach, dieses Vorhaben ist fünf Jahre alt und kommt nicht von der Stelle. Nun ja, sagte Putin, die Erweiterung zu einem ganzen „Museumsstädtchen“ müsse von der Öffentlichkeit akzeptiert werden, um nicht zum „Zankapfel“ zu geraten. Das immerhin beweist subtilen Witz. Denn einen ungleich größeren Zankapfel findet der Präsident vor seiner Kremltür – in Moskau und im ganzen Land, das endlich Demokratie will.

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