Russland & Deutschland : Gefährliche Freunde

„1000 Jahre Russen und Deutsche“: eine Ausstellung im Historischen Museum Moskau beleuchtet die wechselhafte Beziehung der beiden Länder, die in ihrer Geschichte friedlich Handel miteinander trieben, Kriege gegeneinander führten und wieder Frieden schlossen. Im Oktober kommt die Schau nach Berlin.

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Herrscherin aller Reußen. Katharina II. (die Große), geboren 1729 als Prinzessin von Anhalt-Zerbst, gemalt von Fjodor Rokotow um 1775/80. Foto: © Staatl. Historisches Museum Moskau
Herrscherin aller Reußen. Katharina II. (die Große), geboren 1729 als Prinzessin von Anhalt-Zerbst, gemalt von Fjodor Rokotow um...

Wenn Russen und Deutsche miteinander über Geschichte sprechen, kommt unweigerlich der Zweite Weltkrieg aufs Tapet. Die deutsche Seite betont Schuld und Verbrechen, die russische Seite bevorzugt das epische Moment, die Schicksalhaftigkeit, zumal das Glück des Überlebens inmitten von Tod und Verderben.

Die Instrumentalisierung der Geschichte ist Sache der offiziellen Politik. Die Beschwörung des „Großen Vaterländischen Kriegs 1941 – 1945“ – wie er in Russland seit jeher heißt –dient seit den bleiernen Jahren Breschnews unverändert als Legitimation des politischen Systems. Dass die Ausstellung „Russen und Deutsche. 1000 Jahre Geschichte, Kunst und Kultur“ im Staatlichen Historischen Museum zu Moskau dasselbe tut, ist daher eine Enttäuschung. Die Ausstellung, als Gemeinschaftsunternehmen des Historischen Museums – mithin des russischen Kulturministeriums – mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erarbeitet, soll bei ihrer zweiten Station im Neuen Museum Berlin ab 6. Oktober ein anderes Gesicht zeigen, hieß es vorab bei einer Pressekonferenz in der Russischen Botschaft Unter den Linden.

So eng war die Zusammenarbeit dann doch nicht, dass eine identische Ausstellung zustande kam. Es mögen dieselben Objekte sein, die gezeigt werden; wie sie aber miteinander verknüpft werden, das bleibt Sache der jeweiligen Verantwortlichen. Das Moskauer Museum präsentiert Geschichte nicht als Geflecht von Ursachen und Wirkungen, sondern häuft lediglich Fundstücke an.

So wird der Zweite Weltkrieg, wie es heißt, in einer „einprägsamen Inszenierung“ beschworen, die die Zerstörung der spätmittelalterlichen Handelsmetropole Nowgorod zum Thema hat. Das unscheinbare Papier aber, das die Unterschriften der beiden Außenminister Ribbentrop und Molotow trägt, mit dem Schicksalsdatum des 23. August 1939 versehen – dieses welthistorische Papier hängt viele Meter entfernt unscheinbar hinter Glas in einem der in die Museumssäle eingebauten Ausstellungswürfel. Gleich daneben der Vertrag von Rapallo 1922, mit dem die beiden Verlierer des Ersten Weltkriegs ihre außenpolitische Isolation durchbrechen wollten. Als ob dieses Papier auf einer Stufe stünde mit dem Plan zur Aufteilung Europas, den die beiden Diktatoren in Kreml und Reichskanzlei zum Entsetzen ihrer Nachbarländer aushandelten!

Kein Wort zum Hitler-Stalin-Pakt, und das Geheime Zusatzprotokoll – nach der gemeinschaftlichen Besetzung Polens in einem veritablen Grenz- und Freundschaftsvertrag nochmals verfeinert – ist gleich gar nicht ausgestellt. Das ist eine äußerst ärgerliche Fehlstelle. Denn beide Seiten müssen sich der Wahrheit stellen, dass sie in der Vergangenheit einander niemals näher waren als in diesem Augenblick übelster Gewaltpolitik.

Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 war die Folge des Teufelspakts. Wenn denn der Krieg auf dem Boden der Sowjetunion der Dreh- und Angelpunkt des deutsch-russischen Verhältnisses ist, müsste man hier anfangen, im Auge des Sturms, der über Europa hinwegfegte. Und von da aus zurückgehen, zur zarten Anbahnung von Rapallo zwischen den Revolutionären in Russland und den Sachwaltern der weithin verhassten Republik von Weimar. Und dann zurück zum Ersten Weltkrieg, der die miteinander verschwägerten Herrscherhäuser der Hohenzollern und der Romanows gegeneinander führte, weiter zurück zur Auflösung einer Freundschaft, die auf Fürstenebene seit der gemeinsamen Überwindung Napoleons 1813 bestanden hatte. Und und und.

Blickt man noch weiter zurück, stößt man auf den Handel, der beide Seiten zu einer Zeit verband, da man von „den“ Deutschen ebenso wenig sprechen konnte wie „den“ Russen. Da gab es die Hanse; aus der Stralsunder Nikolaikirche stammt mit dem Chorgestühl der Russlandfahrer um 1360 eines der bezauberndsten Objekte der Ausstellung. Russische Pelzjäger und -händler sind darauf dargestellt, die die begehrte Ware dann über die Ostsee sandten. 1486 gaben Kölner Goldschmiede dem großartigen Tabernakel der Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Kreml den figürlichen Schmuck seiner zwölf Aposteln. Auch das ein bemerkenswertes Zeugnis, hatten die Moskowiter doch gerade erst die mongolische Fremdherrschaft abgeschüttelt. Nun öffneten sie sich dem Westen.

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