Kultur : RUSSLANDS ABSCHIED VON ALEXANDER SOLSCHENIZYN

Der Leichnam des Literaturnobelpreisträgers Alexander Solschenizyn wurde am Dienstag in der Akademie der Wissenschaften am Moskauer Lenin-Prospekt aufgebahrt. Bereits vor der Öffnung warteten Hunderte auf Einlass; gegen Mittag bildeten sich bei strömendem Regen lange Menschenschlangen, um dem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Gekommen waren vor allem ältere Künstler, Intellektuelle, Bürgerrechtler und Dissidenten, die wie Solschenizyn in den sowjetischen Straflagern saßen. Viele waren aus anderen Regionen angereist, etwa Irina Sergejewa, die für ihre Teilnahme an einer Demonstration gegen Moskaus Einmarsch in die Tschechoslowakei 1968 mit acht Jahren Zwangsarbeit in Sibiriens büßen musste. Inzwischen fast 80, hatte sie sich aus dem 400 km entfernten Tula schon am Vorabend auf den Weg nach Moskau gemacht.

Solschenizyn soll am heutigen Mittwoch auf dem Friedhof des Moskauer Donskoi-Klosters beigesetzt werden. Die Begräbnisstätte habe sich der Schriftsteller vor fünf Jahren selbst ausgesucht, teilte ein Sprecher des Moskauer Patriarchats mit.

Russlands Regierungschef Wladimir Putin nahm am Dienstag persönlich von Solschenizyn Abschied. Er legte Rosen am Sarg des Schriftstellers nieder und sprach dessen Witwe sein Beileid aus. Zuvor hatte

Putin Solschenizyns Tod als „schweren Verlust für ganz Russland“ bezeichnet. „Wir sind stolz, dass Solschenizyn unser Landsmann und Zeitgenosse war“, sagte Putin.

Natalja Solschenizyna erklärte, ihr Mann habe ein „schwieriges, aber glückliches Leben“ gehabt. „Er wollte im Sommer sterben, und er ist im Sommer gestorben. Er wollte zu Hause sterben, und er ist zu Hause gestorben.“

Russlands Präsident

Dmitri Medwedew würdigte Solschenizyn als „einen der größten Denker, Schriftsteller und Humanisten des 20. Jahrhunderts“.

Solschenizyns Tod sei ein „Verlust für Russland

und die ganze Welt“.

Der letzte Sowjetpräsident Michail Gorbatschow erklärte, Solschenizyns Beitrag zum Sturz des Totalitarismus sei „nicht hoch genug zu schätzen“. „Er hat bis zum Ende seines Lebens dafür gekämpft, dass Russland seine totalitäre Vergangenheit hinter sich lässt, eine würdige Zukunft anstrebt und zu einem freien und demokratischen Land wird. Wir schulden ihm viel.“

Dagegen kritisierte Kommunistenchef Gennadi Sjuganow Solschenizyns Werk als nicht immer objektiv. „Ich denke, dass seine Bewertung der frühesten sowjetischen Epoche tendenziös und einseitig war“, sagte Sjuganow. „Natürlich sind diese Bewertungen mit seiner persönlichen Tragödie verbunden – aber dem Leben und den Heldentaten des ganzen Volkes, dem schöpferischen Potenzial dieses großen Landes darf man nicht sein persönliches Schicksal aufdrücken.“ Die Kommunisten stellen im russischen Parlament die stärkste

Oppositionsfraktion.

Mit kritischem Unterton

äußerte sich im MDR der Historiker Wolfgang Leonard über seinen russischen Kollegen. „Er war kein Demokrat, er war ein Gegner des Kreml-Systems, des früheren. Was sich unter Putin ereignet hatte – eine nicht-kommunistische, autoritäre Herrschaftsform – hat seinen eigenen Auffassungen doch sehr entsprochen.“ win/dpa/AFP

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