Kultur : Russlands Rembrandt und Stalins Velázquez

Eine grandiose Ausstellung in der Alten Nationalgalerie Berlin entdeckt den Nationalmaler Ilja Repin als Genie der Zarenzeit

Christina Tilmann

Wir haben sie zuletzt im Urlaubslaune gesehen, Politiker und Prominente in der Sommerfrische: am Strand, auf dem Fahrrad oder leger im Garten. Ähnliche Bilder von vor hundert Jahren zeigt das Tolstoi-Kabinett, Herzstück der Berliner Repin-Ausstellung. Graf Leo Nikolajewitsch Tolstoi, Russlands Dichterfürst, liegt in seinem Gut Jasnaja Polnaja unter einem Baum und liest ein Buch. Oder er ruht bei der Zeitungslektüre auf dem Sofa. Und die Serie geht weiter: Tolstoi beim Pflügen, Tolstoi beim Schachspielen, Tolstoi beim Gebet im Wald, Tolstoi auf dem Acker und Tolstoi an seinem Arbeitstisch.

Es sage niemand, Tolstois Freizeitpose sei nicht mindestens so berechnet gewesen wie die Urlaubsbilder von Politikern in der Sommerpause. Mit fast religiöser Intensität hatte Tolstoi sich einer Land- und Bodenreform verschrieben, hatte Schulen und Krankenhäuser auf seinen Gütern gebaut. Dort unterrichtete er die Bauernkinder selbst, legte Hand an den Pflug, ließ sich barfüßig im Wald malen. Als der Maler Ilja Repin ihn 1887 auf seinem Sommergut besucht, war der Autor von „Krieg und Frieden“ längst Vegetarier geworden. Es war ein besonderes Zusammentreffen: Den Dichterfürsten und den Künstler, der später als „Tolstoi der Malerei“ gerühmt werden sollte, einte das Interesse an der Bauernfrage und die Sympathie für die politischen Kreise, die für eine Rückbesinnung auf alte slawische Traditionen eintraten. Tolstoi wusste, warum er sich in seinem Großporträt im Bauernkittel malen ließ – und Repin, warum er ihn so malte.

Doch was bei Tolstoi Überzeugung war, war Ilja Repin von Jugend an vertraut. Der Sohn eines Militärsiedlers in der Ukraine hatte die Härten des Landlebens früh erlebt. Seine ersten Bilder, bis hin zu den berühmten „Wolgatreidlern“, sind ein Plädoyer gegen Unterdrückung und soziale Missstände, dagegen, dass Menschen wie Tiere behandelt werden. Es sind die Bilder, mit denen Repin bis heute verbunden wird und die gleichzeitig seine politische Vereinnahmung als Vorläufer des sozialistischen Realismus begründeten. Repin malt Pilgerinnen in sommerlich staubiger Landschaft, Fischer und Treidler an der Wolga, einen Buckligen mit Stock. Mit diesen Skizzen und kleinen Ölbildern eröffnet in Berlin der Überblick über ein höchst vielfältiges Jahrhundertwerk.

Als Repin 1891 Tolstoi auf seinem Landgut malt, liegt diese Phase weit hinter ihm. Längst ist er Mitglied der russischen Akademie der Künste, längst hat er ausgedehnte Europareisen nach Wien, Berlin und vor allem Paris unternommen, längst porträtiert er alle Geistesgrößen Russlands: Dichter wie Iwan Turgenjew und Maxim Gorki, Musiker wie Modest Mussorgski und Anton Rubinstein, Kunstmäzene und -kritiker wie Wladimir Stassow und Pawel Tretjakow. Dieser hatte seit 1871 begonnen, die von ihm zusammengetragenen Gemälde der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Repin malt ihn 1901 im Obergeschoss seiner Galerie: ein schmaler, melancholischer Kopf, dunkel vor der bunten Pracht seiner Bilder.

Ein Teil der Tretjakow-Schätze hat im Rahmen des Deutsch-Russischen Kulturjahrs seinen Weg nun nach Deutschland gefunden. Nach einer ersten Station in Saarbrücken zeigt die Alte Nationalgalerie in Berlin ab heute rund hundert Werke Ilja Repins (1844 – 1930). Anders jedoch als bei der Repin-Ausstellung im niederländischen Groningen, die Anfang 2002 mehr als 250000 Besucher anzog, liegt der Schwerpunkt diesmal nicht auf den Hauptwerken, den „Lesebuchbildern“, wie man sie heißt. Die berühmten „Wolgatreidler“, das monumentale Gründungswerk des russischen Realismus, war in Groningen die Sensation gewesen, weil es nie zuvor ins Ausland verliehen worden war – und so bald auch nicht wieder verliehen wird. Es ist durch kleinere Skizzen ersetzt. Auch das blutrünstige Horrorbild „Iwan der Schreckliche und sein Sohn“ und die „Kreuzprozession im Gouvernement Kursk“ sind nicht nach Deutschland gekommen.

Das schmälert die Ausstellung kaum. Gerade in Deutschland muss eine Neu- oder Wiederentdeckung nicht zwangsläufig durch die bekannte politische Brille blicken. Denn hierzulande war Ilja Repin Opfer einer doppelten Wahrnehmung: Aus den gleichen ideologischen Gründen, deretwegen er Aufnahme in die Geschichtsbücher der DDR fand, war er im Westen fast unbekannt. Sicher, Repin hat im Umkreis der Bauernbefreiung 1861 der russischen Revolutionsbewegung ein künstlerisches Gesicht gegeben: mit Gemälden wie der „Verhaftung des Propagandisten“, welches den Agitator gleich einem Christus an der Martersäule zeigt, oder dem psychologisch unglaublich differenzierten Bild „Unerwartet“, das den heimkehrenden Verbannten wie einen verlorenen Sohn ins Zimmer treten lässt. Er hat sich um die Neudefinition der Historienmalerei bemüht, mit Bildern wie der gefangenen Zarewna Sophia Alexejewna oder den ausgelassenen Saporosher Kosaken, die dem türkischen Sultan einen Brief schreiben. Und er hat schließlich, reduziert auf eine nachtdunkle Konfrontation zwischen Verurteiltem und Priester, Nikolai Minskis Revolutions-Gedicht „Die letzte Beichte“ illustriert: „Verzeih Herr, dass die Armen und die Hungrigen/so heiß wie eigene Brüder ich geliebt. (...) Verzeih Herr, dass meiner unglücklichen Heimat/Auch in der Todesstunde ich treu bleibe./Dass ich, geboren als Sklave unter Sklaven,/Inmitten der Sklaven – als Freier sterbe.“

All diese Bilder sind in Berlin zu sehen. Ja, die Ausstellung setzt sogar einen höchst effektvollen Schlusspunkt, indem sie mit den Skizzen des „Blutigen Sonntags“ aus dem Museum der Neueren Geschichte Russlands schließt. Das Massaker, das zaristische Truppen am 9. Januar 1905 unter friedlichen Demonstranten anrichteten, zeigt Repin in einer wilden Orgie aus Rot, Weiß und Schwarz, in gewalttätigen Schemen, die den Bogen von Goya bis Munch spannen. Dass jedoch diese politisch motivierten Werke die einzigen sein sollen, die von Repin überdauern, dagegen verwehrt sich die Ausstellung und tritt den Gegenbeweis an.

Sie präsentiert einen Maler, der „Stalins Velázquez“ und „Russlands Rembrandt“ zugleich ist, einen Meister des psychologischen Porträts und Visionär der politischen Malerei, einen Bauernfreund und Mitglied der Kunstelite. Einen Künstler, dem von Realismus bis zu symbolischer Überhöhung, vom locker-impressionistischen Pinselstrich bis zur genauen, kleinteiligen Porträtmalerei alle Mittel zur Verfügung standen. Da tritt die exzentrische Moskauer Mäzenin Baronin Warwara Ixkul von Hildenbrandt dem Besucher als extremes Hochformat entgegen und blickt ihn unter einem dunklen Schleier halb arrogant, halb gelangweilt an. Die Schauspielerin Eleonora Duse lagert auf einer Kohlezeichnung müde und lässig im Sessel; der Blick jedoch ist wach und klug. Und den Komponisten Modest Mussorgski malt Repin, wenige Tage vor dessen Tod, im Bademantel: der Blick fiebrig, die Nase gerötet, ein todkranker Mann, aber gesehen mit den Augen und der Sympathie des Freundes .

Und schließlich: Neben dem Staats- und Historienmaler gibt es in Berlin einen anderen, privateren Repin zu entdecken – was im Umfeld der Alten Nationalgalerie besonders leicht fällt. Umgeben von Manet, Liebermann und Menzel sind die luftigen, impressionistischen Seiten Repins besonders augenfällig. Ferienbilder seiner ersten Frau Vera, die mit ihren Kindern im Kornfeld Blumen pflückt oder im hellen Kleid nachdenklich auf einer Brücke steht, lassen Giverny und den französischen Einfluss ahnen. Die Forderung nach mehr Farbe und mehr Licht, die Repin auf seiner Paris-Reise gehört hatte, ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Spätere Bilder des Malers mit seiner zweiten Frau, der Schriftstellerin Natalia Nordman, lassen die Nähe zu Manet noch stärker hervortreten. Es sind zauberhaft leichte Bilder russischen Sommerlebens. Iwan Turgenjew, den Repin porträtierte, hat die passenden Erzählungen dazu geschrieben.

Ilja Repin – Auf der Suche nach Russland. Alte Nationalgalerie, bis 2. November. Di bis So 10 bis 18 Uhr, Do bis 22 Uhr. Katalog (Nicolai-Verlag) 19,90 Euro.

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