Kultur : Russlands Zusammenhalt

Die Veteranen der Roten Armee haben ihr eigenes Bild vom Krieg. Eine Ausstellung in Karlshorst

Bernhard Schulz

Hierzulande ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg beinahe schon Routine geworden. Der entscheidende Paradigmenwechsel erfolgte vor zwanzig Jahren mit der Rede Richard von Weizsäckers, der die bis dahin beschworene „Katastrophe“ durch den Begriff der „Befreiung“ ersetzte und Ursachen und Wirkungen des 8. Mai 1945 benannte. Punktum. In diesem Jahr 2005 konnte allenfalls noch irritieren, wie selbstverständlich Bundeskanzler Schröder mit seinem Präsidentenfreund Putin bei der Moskauer Gedenkfeier zusammensaß.

Das Ausmaß und die Bedeutung indessen, die die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg bis heute – und gerade heute wieder – in Russland besitzt, sind hierzulande kaum vorstellbar. Das war in der DDR zumindest insofern anders, als es dort allerorten Denkmäler gab, die an den siegreichen Vormarsch der Roten Armee erinnerten.

Das Deutsch-Russische Museum in Berlin-Karlshorst ist der berufene, weil durch die Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai authentische Ort, um die so ganz andersartige Kriegserinnerung in Russland zu beleuchten. Der Titel der weit gefächerten Ausstellung „Triumph und Trauma“ spiegelt exakt ihr Grundkonzept. Parallel zur offiziellen Siegesverherrlichung verläuft die Geschichte der privaten, von Leid und Trauer geprägten Erinnerung in einem Land, das mehr als 20 Millionen Opfer zu beklagen hatte. Diese private Erinnerung musste der offiziellen umso mehr zuwiderlaufen, als sich die Opfer des „faschistischen Überfalls“ und die Opfer des stalinistischen Terrors nicht säuberlich trennen lassen. Bekanntlich wurden heimkehrende Kriegsgefangene der Roten Armee, die die systematisch betriebene Aushungerung in den NS-Lagern überlebt hatten, pauschal als „Verräter“ diffamiert und zumeist gleich in die nächsten Lager weitergereicht – die des sowjetischen Gulags.

Interessanterweise entstand erst in der Breschnew-Zeit ab Mitte der Sechzigerjahre jener monumentale Totenkult, wie er sich in den gigantischen Anlagen vor allem von Wolgograd darstellt. Da war der Stalinkult mit seiner Verherrlichung des „Woschd“, des „Führers“, bereits Vergangenheit – nicht aber der gesellschaftliche Kitt, den die allzeit beschworene Erinnerung an den größten Triumph der Sowjetgeschichte bedeutete. Und den die postsowjetische Politik sich erneut zunutze macht.

All das zeigt die Ausstellung in elf Kapiteln, mit Material aus dem eigenen Fundus, ergänzt um weitere, zahlreiche Propaganda-Plakate und eindringliche Fotografien, unter denen diejenigen von der Flaggenhissung auf dem Reichstag oder der Moskauer Siegesparade am 24. Juni 1944 die bekanntesten sind. Daneben aber gibt es die mit zahlreichen Fotos belegten Veteranentreffen, in denen sich mit wachsendem Abstand vom Kriegsende offizielles und individuelles Gedenken mischen. Zwar nimmt die Zahl der Kriegszeugen rapide ab. Doch – so resümiert der vorzügliche Katalog – „die Erinnerung an den ,Großen Vaterländischen Krieg‘ ist heute für das historische Selbstverständnis der russischen Gesellschaft von noch größerer Bedeutung als in den Jahrzehnten der Sowjetunion.“ Offen bleibt die künftige Bereitschaft, „in der Erinnerung an den opferreichen und moralisch gerechtfertigten Sieg über den Nationalsozialismus den unzweifelhaften Zusammenhang mit der mörderischen Diktatur Stalins zu akzeptieren, diese Ambivalenz zu ertragen, ohne dass die Bedeutung des Sieges dadurch verringert würde“.

Deutsch-Russisches Museum, Zwieseler Str. 4, bis 28. August. Katalog 29,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben