Kultur : Ruth Beckermann sucht in der Wüste nach Kaiserin Sissi

Christiane Peitz

Wer filmt, begreift die Welt nicht und möchte sich ein Bild von ihr machen. Das klingt gut, aber stimmt nicht ganz. Denn nicht wenige Filme entstehen nur, weil ihre Macher sich längst ein Weltbild gemacht haben. "Ein flüchtiger Zug nach dem Orient" dreht dieses Verfahren um. Ruth Beckermann nennt es - mit Virilio - Ästhetik des Verschwindens. Im Zentrum ihres Films befindet sich ein blinder Fleck: Die Regisseurin hat kein Bild von Sissi. Elisabeth, Kaiserin von Österreich, hatte sich von ihrem Mann, Kaiser Franz-Joseph, die freie Wahl des Aufenthaltsorts zusichern lassen. Sie reiste zeitlebens und ließ sich ab ihrem 31. Lebensjahr nicht mehr fotografieren. Also fuhr Ruth Beckermann nach Kairo, nach Alexandria und in die Wüste, dorthin, wo Elisabeth sich aufhielt. Sie beobachtet, tastet ab, was sie sieht. Dabei schwelgt die Kamera von Nurith Aviv in exotischen Bildern, die doch nie verhehlen, dass der Orient eine europäische Erfindung ist. Eine Schönheit, die erst im Blick entsteht und an der auch der Zensor seinen Anteil hat. Er begleitete die Dreharbeiten und erlaubte keine Bilder vom Schmutz, von den Schuhputzern, und von der 3. Klasse im Zug. Noch etwas, wovon es kein Bild gibt.

Vor allem filmt Beckermann Frauen. Sie lässt sie so lange in die Kamera schauen, bis jener Moment der Verunsicherung entsteht, der die Lage der Dokumentaristin offenbart. Die heikle Lage einer Europäerin, die weiß, dass es keine Erklärung für ihre Anwesenheit in der Fremde gibt. So wenig wie für die Anwesenheit Sissis.Heute 11 Uhr (CineStar 8), morgen 19.30 Uhr (Arsenal)

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