Kultur : Rutschen für die Kunst

Carsten Höller belustigt in der Tate Modern Gallery mit seinen Metall-Lindwürmern die Massen

Ulrich Clewing

In der Turbinenhalle der Tate Modern in London hat es schon etliche künstlerische Exaltationen gegeben. Aber so etwas hat man seit ihrer Gründung vor sechs Jahren hier noch nicht erlebt. Den Anfang machte damals Louise Bourgeois mit ihren riesigen spinnenbeinigen Skulpturen. Ein Riesenerfolg wurde zuletzt die gigantische untergehende Leuchtröhren-Sonne des Skandinaviers Olafur Eliasson, deren versetzter Schattenwurf schon einmal zum Anziehungspunkt ganzer Schulklassen wurde. Fünf silbrig schimmernde Röhren aus Stahl winden sich diesmal in steilen Kurven von oben nach unten; die längste misst 55, die kürzeste 26 Meter. Die Neigungswinkel der metallenen Lindwürmer betragen zwischen 30 und 35 Grad; außerdem unterscheiden sie sich in Anzahl und Beschaffenheit der Biegungen. Damit, so erklären beflissen die verantwortlichen Museumskuratoren, können die Benutzer ausprobieren, welche Auswirkungen diese spezifischen Eigenheiten auf die „Quality of sliding“ haben.

Neuankömmlinge in der meterhohen Eingangshalle brauchen immer eine Weile, bis sie das Unglaubliche wirklich verstehen: Die Röhren sind nicht etwa abstrakte Skulpturen, sondern reale Rutschbahnen, in die sich Wagemutige zwängen können, um in die Tiefe zu rasen. Und von denen gibt es in London offenbar eine ganze Menge. Vor den Einstiegen in die glattpolierten Hohlkörper bilden sich sofort lange Schlangen. Von einem dumpfen Poltern begleitet, beschleunigen diese sportlichen Kunstfreunde dann innerhalb von wenigen Sekunden auf Geschwindigkeiten, die die Landung für so manchen recht unsanft machen kann. Andere schreien, während sie in die Tiefe sausen. Spitze, helle Schreie werden ausgestoßen, die nach Kontrollverlust klingen, so wie bei großer Verzückung oder großem Schrecken.

Urheber dieser erstaunlichen Installation ist der deutsche Künstler Carsten Höller (Jahrgang 1961). Der studierte Naturwissenschaftler gehört zu jenen, die glauben, dass Kunst ihre volle Kraft erst dann entwickelt, wenn ihr ein aktives Gegenüber an die Seite gestellt wird. Im konkreten Fall heißt das: Menschen, die mitmachen. Die einsteigen und rutschen. Die hoffen, unten heil anzukommen oder noch zu jung sind, um sich vorzustellen, dass da irgend etwas schiefgehen könnte. Fast alle, die sich an diesem Vormittag Klarheit über die Vorzüge raschen Gleitens verschaffen, sind unter dreißig, die meisten davon Schüler. Die haben am Ende des Tages dann daheim ganz schön was zu erzählen.

Höller liebt Volksbelustigungen dieser Art. Auf der Documenta X präsentierte er zusammen mit Rosemarie Trockel lebende Schweine in einem echten kleinen Schweinestall. Die erste Höller’sche Rutschbahn entstand kurz danach anlässlich der ersten Berlin-Biennale im Hof der Kunst-Werke in der Auguststraße (die sich freilich nicht ganz so großer Mitmach-Beliebtheit erfreut wie ihre britischen Vettern). Ob das tatsächlich die Transzendenz bringt, die man gemeinhin von großer Kunst erwarten darf, ist dem Künstler dabei herzlich egal. Wenn es nach ihm ginge, verriet er auf der Eröffnungspressekonferenz in der Turbinenhalle, würde es in den Städten, aber auch auf dem Land generell mehr Rutschen geben.

Mit diesem Dada-Credo hat er die Engländer ganz und gar für sich gewonnen – und damit erreicht, was in den höher gelegenen Ausstellungsgeschossen der Galerie derzeit auch das Schweizer Künstlerduo Peter Fischli und David Weiss versucht. Vielleicht fanden die Hausherren von der Tate Modern, dass die Kunst im Moment einfach eine zu ernste Angelegenheit ist. Womöglich waren es auch bloß die Zufälligkeiten des internationalen Ausstellungskarussels. Jedenfalls wirkt das stolze Museum an der Themse in diesen Tagen wie eine Versuchsanstalt für Fragen des Humors im zeitgenössischen künstlerischen Schaffen. Die aus Basel übernommene Fischli/Weiss-Retrospektive ist als Rundgang angelegt, der durch insgesamt elf Räume führt, was ihr eine interessante Dramaturgie verleiht. Die vier pechschwarzen Gummiskulpturen am Eingang markieren den Anfang der Tour durch das verrückte Alltagsuniversum des Schweizer Duos. Es sind Abgüsse einer Kommode, der Wurzel eines gefällten Baumes oder einer kahlen Wand – unspektakuläre Gegenstände in einer spektakulären Form. Die großformatigen Fotos von Blumen und Flugzeugen auf Flughäfen im nächsten Raum sind aus demselben Holz geschnitzt, wenn auch nur zweidimensional. Auch sie spielen mit modernen Pathosformeln und positionieren jene an die Grenze zur Banalität. Wenn schon Verführung, dann aber bitte auch zu allem und jedem.

Wie nahe Fischli und Weiss dem Witz der neuen Frankfurter Schule stehen, demonstriert danach nicht nur die längst zum Klassiker avancierte Fotoserie aus dem Leben eines Wiener Würstchens (hier heißt sie „The Sausage Photographs“). Noch deutlicher wird diese Art Humor in einer 1981 konzipierten, aber erst 2006 produzierten Gruppe von allerliebst anzuschauenden Mini-Skulpturen auf hohen Sockeln, die „populäre Gegensätze“ und andere Höhepunkte der Weltgeschichte darstellen sollen. Zum Beispiel „oben und unten“ (ein kopfstehender Bär), „vorne und hinten“ (eine Figur im Ruderboot) oder „Pythagoras bewundert seine Theorie“ (ein kleines Männchen vor einem großen Dreieck).

Der Kulminationspunkt der Schau befindet sich – wie wäre es auch anders zu erwarten – dort, wo der „Lauf der Dinge“ von 1986/87 präsentiert wird, die nach wie vor berühmteste Fischli/Weiss-Arbeit. In diesem Fall handelt es sich um eine Doppelprojektion mit dem damals mitgedrehten Film „Making Things go“, der den langwierigen, mühsamen Aufbau der nach all den Jahren immer noch sehr komischen Kettenreaktion nachvollziehbar werden lässt. Auf diese Koppelung hätte man wohl besser verzichtet. Verzaubert und gleichzeitig entzaubert zu werden, entspricht zwar einem Grundprinzip von Peter Fischli und David Weiss. Da zu deren Glaubenssätzen aber auch der Spaß an der Freude gehört, wäre weniger wohl mehr gewesen. Sei’s drum: eine lässliche Sünde in diesem reizenden Tollhaus. Und wem das nicht genügt, der geht halt nochmal eine Runde rutschen.

Tate Modern, Retrospektive Fischli/Weiss bis 14. Januar 2007; Carsten Höllers „Text Site“ im Rahmen der Unilever Series bis 9. April 2007

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