Kultur : Rutschige Ränge

Gerrit Bartels bewahrt sich seinen Glauben an die Bestsellerliste

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Man kennt diesen Spruch von Fußballern und Trainern, wenn sie wieder einmal irgendeine Krise ihrer Vereine erklären müssen und ratlos sind. Die Tabelle lügt nicht, sagen sie dann. In die Sprache des Buchmarktes übersetzt, müsste diese Weisheit so lauten: Die Bestsellerliste lügt nicht. Und die schlichte Wahrheit lautet, gerade beim Anblick der aktuellen „Spiegel“-Bestsellerliste: Die Deutschen lesen am liebsten Krimis, vor allem skandinavische Krimis. Nein, noch genauer, insbesondere die Krimis des dänischen Schriftstellers Jussi Adler-Olson.

Vor gerade einmal zwei Wochen wurde mit „Verachtung“ dessen vierter Carl-Morck-Roman veröffentlicht, und schon steht dieser Titel auf Platz eins der Bestsellerliste. Schaut man dann noch ein bisschen weiter auf die unteren Ränge, finden sich auch die anderen Adler-Olson-Krimis schön einträchtig hintereinander auf den Plätzen 18, 19 und 20, mit der Tendenz nach oben, versteht sich. Denn ein neuer Spitzentitel mit einem eingeführten Kommissar zieht die anderen gern wieder hoch.

Weitere Krimis auf der Bestsellerliste kommen von dem schwedischen Autorenduo Michael Hjörth und Hans Rosenfeldt, auch gleich deren zwei; dann von John Grisham, der dieses Mal ein paar Anwälte gegen einen Pharmakonzern vorgehen lässt, und schließlich jener des Pseudofranzosen Jean-Luc Bannalec, den ja der S.-Fischer-Verleger Jörg Bong geschrieben haben soll.

Und bei Bannalec / Bong und den sechs skandinavischen Krimis dämmert es einem langsam wieder: Da war doch mal was, vor gut drei Wochen!? Da gab es doch diesen Riesenwirbel um einen Skandinavien-Krimi aus deutscher Produktion, „Der Sturm“ betitelt, mit dem Namen Per Johansson pseudonymisiert und aus der Feder des Autorenduos Thomas Steinfeld / Martin Winkler. Weil das aus Deutschland stammende Mordopfer ein paar Ähnlichkeiten mit dem „FAZ“-Herausgeber Frank Schirrmacher aufweist und Thomas Steinfeld Feuilletonchef der „SZ“ ist, war „Der Sturm“ auf einmal das Buch der Stunde – in den Feuilletons, in den Radios, im Netz.

Eigentlich kann sich ein Verlag keine bessere Werbung wünschen: erst die Enthüllung des Pseudonyms, der vermeintliche Skandal, dann die Besprechungen. Nur hat es auf dem Buchmarkt überhaupt nicht gereicht, zumindest bislang, nicht einmal für die Top 50. Jussi Adler-Olson und Hjörth / Rosenfeldt sind halt ein ganz anderes Kaliber. Nur welches? „Der Sturm“ ist zwar hie und da von Krimiexperten ordentlich verrissen worden, aber daran kann es kaum liegen. Auch an „Verachtung“ oder „Schändung“ oder „Verteidigung“ ließe sich vieles bemängeln, von der Sprache über den Plot bis zu den Spannungselementen. Bestseller lassen sich nicht planen und stellen sich auch nicht automatisch mit noch so viel Medienheckmeck ein. Folglich sind Autoren und Verleger oft genau so ratlos wie die Trainer und Fußballer. Nein, die Bestsellerliste lügt wirklich nicht.

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