Ryszard Kapuscinski : Alles ist durchleuchtet

Die Hintergründe des Falles Kapuscinski: Wie Polen mit seinem geheimdienstlichen Erbe umgeht

Magdalena Marszalek

Der polnische Begriff für die Überprüfung von Personen – lustracja – wird in den deutschen Medien korrekt mit Durchleuchtung übersetzt. Dem Verständnis der aktuellen Auseinandersetzungen um den Umgang mit dem geheimdienstlichen Erbe der Volksrepublik Polen wäre allerdings besser gedient, wenn man sich des etwas veralteten deutschen Begriffs Lustration bedienen würde. Er bedeutet nicht nur Musterung und Prüfung, sondern auch die feierliche kultische Reinigung durch Sühneopfer. Schon die alten Römer haben in der Zeremonie des lustrum alle fünf Jahre Tiere geschlachtet, um bei den Göttern das Wohl des Volkes zu erbitten. Um nichts Geringeres als die nationale Katharsis geht es heute in Polen den Anhängern der flächendeckenden Lustration. So kommt als Sühneopfer jeder in Frage, für den sich – in welcher Form auch immer – in den Akten des Sicherheitsdienstes (SB) ein Hinweis auf eine Zusammenarbeit finden lässt. Das gilt auch für tote Schriftsteller.

Bereits im März, zwei Monate nach dem Tod von Ryszard Kapuscinski, dem Meister der literarischen Reisereportage, hat das zum Axel-Springer-Konzern gehörende „Newsweek Polska“ Gerüchte über die Zusammenarbeit Kapuscinskis mit dem SB verbreitet. Die Ausgabe vom 21. Mai berichtete dann ausführlich über seine Akte, der zu entnehmen war, dass er Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre einige Berichte von seinen Reisen für den SB geschrieben hatte. Der anonyme Funktionär des SB, der seine Akte führte, bezeichnete Kapuscinski zwar als willigen Mitarbeiter, das von ihm gelieferte Material hielt er aber für wenig nützlich. Der Beitrag, erklärte der „Newsweek“-Chefredakteur, diene nicht der Durchleuchtung Kapuscinskis, sondern der Aufklärung über die Volksrepublik.

Hätte sich Kapuscinski mit seiner Bereitschaftserklärung den Reisepass nicht erkauft, hätte er keines seiner Bücher schreiben können, sagte in derselben „Newsweek“-Ausgabe sein Kollege und Freund, Ernest Skalski, der den Lesern die Umstände journalistischer Arbeit unter der totalitären Staatsmacht am eigenen Schicksal zu erklären versuchte. Die internationale Presse reagierte mit Empörung auf den Bericht über Kapuscinskis Vergangenheit und stellte ihn in den Kontext der antikommunistischen Hexenjagd der Regierung Kaczynski. In der linksliberalen „Gazeta Wyborcza“ kommentierte Teresa Toranska mit Ekel den Eifer journalistischer „Anbeter der Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit“, die eine biedere Exegese der nicht verifizierten geheimdienstlichen Quellen betreiben. Vor der Wende wurden die Bücher Kapuscinskis – vor allem die Reportage „König der Könige“ über das Regime von Haile Selassie in Äthiopien – als Parabel auf die autoritäre Volksrepublik gelesen. Seinen Büchern, nicht den Erpressern vom SB solle man Glauben schenken, schreibt Piotr Stasinski, ebenfalls Kommentator der „Gazeta“.

Kapuscinski ist nicht das erste prominente Sühneopfer der wilden Lustration in den Medien, die der von der regierenden Partei für Recht und Gerechtigkeit (PiS) verkündeten moralischen Revolution zuarbeiten. Was den Fall so interessant macht, ist alleine der Publikationszeitpunkt. Die Enthüllung findet statt in einer kritischen Phase der unheilvollen Geschichte der Lustration.

Zehn Tage vor dem Erscheinen des Berichts hat das polnische Verfassungsgericht die letzte Novellierung des Lustrationsgesetzes in 39 Punkten als verfassungswidrig erklärt, u. a. durch die Verletzung der Unschuldsvermutung. Das mit Spannung erwartete Urteil, das in den regierungskritischen Medien als Sieg der Demokratie und Bürgerrechte gefeiert wurde, machte die Bestrebungen der PiS zunichte, den Polen eine massenhafte Durchleuchtung zu verordnen – etwa auch von Journalisten und Wissenschaftlern. Insgesamt rund 700 000 Menschen waren durch das neue Gesetz unter Androhung des Berufsverbots aufgefordert, eine Lustrationserklärung abzugeben. An den Universitäten regte sich Widerstand, viele Intellektuelle schrieben Protestbriefe und die Journalisten der „Gazeta Wyborcza“ riefen zum zivilen Ungehorsam auf. Bei der Urteilsverkündung warnte der Vorsitzende des Verfassungsgerichts davor, die Demontage des totalitären Erbes mit Mitteln durchzuführen, die selber im Widerspruch zur demokratischen Rechtsstaatlichkeit stehen. Dass Rechtsstaat und Gerechtigkeit zweierlei sind, mussten bereits die ostdeutschen Oppositionellen nach der Wende zur Kenntnis nehmen. Das polnische Verfassungsgericht hat die Partei, die Recht und Gerechtigkeit im Namen vereint, darauf hingewiesen, dass Gerechtigkeit auf Kosten der Rechtsstaatlichkeit zur Rache verkümmert.

Nun stellt sich die Frage, ob sich die gekränkte PiS-Führung mit den Nachbesserungen des alten Gesetzes von 1997 (welches der deutschen Regelung weitgehend entspricht) zufrieden gibt, oder ob sie die bereits angedrohte totale Öffnung der SB-Archive oder gar die Änderung der Verfassung anstreben wird. Das – zumindest vorläufig – durch das Urteil als Vollstrecker der Lustration entmachtete Institut für Nationales Gedenken (IPN) wurde neuerdings von Adam Michnik, dem Chefredakteur von „Gazeta Wyborcza“, als eine „schreckliche Polizei des Gedächtnisses und der Erpressung“ bezeichnet. Das IPN arbeitet seit Ende 2005 unter der neuen Leitung von Janusz Kurtyka mit inquisitorischem Eifer und in äußerster Übereinstimmung mit den politischen Machthabern an der Verschärfung der Lustration.

Für Michnik ist das IPN als Monopolist für die SB-Akten bereits zu einer Orwell’schen Institution geworden, deren Macht man nur – wie er neulich überraschend verkündete – durch die gänzliche Öffnung des Zugangs zu den Akten ein Ende setzen könne. Mit diesem Vorschlag sorgte Michnik für Verwirrung, zumal diese Idee bis jetzt als die letzte Waffe der Gebrüder Kaczynski galt. Als diskursiver Schachzug scheint die Äußerung Michniks aber durchaus geschickt, um die Kampfparole der PiS zu schwächen. Kaum vorstellbar ist es übrigens, dass ein solches Gesetz jemals als verfassungskonform gelten könnte. Spekuliert Adam Michnik auf die spürbare Ermüdung der polnischen Bürger, die Umfragen zufolge auf die Lustrationshysterie zunehmend mit Gleichgültigkeit reagieren? Der Chefredakteur von „Newsweek Polska“ sah allerdings letzte Woche im Vorschlag Adam Michniks, die Akten gänzlich zu öffnen, ein Zeichen der nahenden nationalen Katharsis und beeilte sich, mit der Publikation der Akte Kapuscinskis einen Beitrag dazu zu leisten. Zwar darf man mit dem Ende der Reinigungsrituale bis zum Ende dieser Wahlperiode sicherlich nicht rechnen, im Überdruss liegt aber die Hoffnung, dass die Konjunktur-Journalisten tote Schriftsteller in Ruhe lassen.

Die Autorin ist Juniorprofessorin für Polnische Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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