Kultur : Saat der Gewalt

Edward Bond zum 70. Geburtstag

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Ein Baby wird im Kinderwagen gesteinigt. Ein ganzer Ort beteiligt sich an einem Lynchmord. Ein Junge wirft ein Findelkind in einen Fluss. Händler lassen Schiffbrüchige ertrinken. An Grausamkeiten ist das Theater des britischen Dramatikers Edward Bond seit Mitte der 60er Jahre überreich, und daran hat sich bis heute nicht viel geändert. In seinem letzten Stücken stürzt sich die ganze Menschheit in den Selbstmord.

Da hat jemand kein Mitleid – oder aber zu viel davon: Der Mensch ist des Menschen Wolf, doch dass er so ist, ist für den Arbeitersohn und guten Marxisten Bond immer die Schuld der Verhältnisse. Gewalt jedoch ist ein probates Mittel.

Das hatte Folgen: Wenn sich heute die Schaubühne dem Werk der früh verstorbenen britischen Dramatikerin Sarah Kane widmet, steht sie damit in guter Tradition. Schon einmal war Deutschland, speziell die Münchner Kammerspiele, Vorreiter dabei, einen britischen Dramatiker bekannt zu machen, der durch seine apokalyptischen Visionen Zuschauer wie Kritiker verstörte. Es war der spätere Schaubühnen-Gründer Peter Stein, der 1967 mit Bonds berühmtem Stück „Gerettet“ – in Michael Sperrs bayrischer Adaption – an den Münchner Kammerspielen sein Regiedebüt lieferte. Die Aufführung wurde gefeiert, während Bond in England noch ein Fall für die Zensur war. Auch Bonds Erfolge „Die See“ (1973/74) und „Sommer“ (1983) wurden in München erstaufgeführt – in legendären Inszenierungen von Luc Bondy.

Lange schon ist Bond, der heute seinen 70. Geburtstag feiert, von den internationalen Spielplänen (fast) verschwunden: Sein Stück „Kinder“ erlebte 2003 seine Deutschlandpremiere in Cottbus. Für die jungen britischen Dramatiker wie Sarah Kane, Mark Ravenhill oder Caryl Churchill jedoch – die wie Bond, Osborne und Arden ihre Heimat im Londoner „Royal Court Theatre“ fanden – war er stilprägend: Gewalt ist immer noch ein Thema. Sein Drama „Das Verbrechen des 21. Jahrhunderts“ hatte Edward Bond 1999 übrigens Sarah Kane gewidmet. til

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