Sachbuch : Der Computer programmiert mich

Nicholas Carr fragt: „Wer bin ich, wenn ich online bin, und was macht mein Gehirn solange?“ Für ihn streht mehr auf dem Spiel als die Buchlektüre.

Bojan Krstulovic

Vor zwei Jahren prophezeite der amerikanische Publizist Nicholas Carr in einem viel beachteten Essay die allgemeine Verdummung durch Google und Co. Nun hat er den Text zu einem fast 400-seitigen Buch erweitert, mit dem Titel „Wer bin ich, wenn ich online bin, und was macht mein Gehirn solange?“ Carr zufolge ist das Internet das totale Medium, dem gelingen dürfte, was die Medienkritik seit Sokrates immer wieder befürchtet hat: die Aushöhlung des menschlichen Geistes.

Als erfolgreicher Sachbuchautor weiß Carr, wie eine Kassandra heute zu rufen hat. Also holte er sich Unterstützung von der Naturwissenschaft, der Biologie. Er sagt nicht einfach, dass das Internet unseren Geist verändert, sondern der vernetzte Rechner forme unser Hirn nach seinem Muster. „Wir programmieren unsere Computer, danach programmieren sie uns.“ Carr argumentiert mit Hilfe von Studien aus der Medienpsychologie und der Neurobiologie. Dazu gesellt sich die aufrichtige Selbstbeobachtung eines Autors, der die Verlockungen der neuen Technologien zu schätzen weiß, aber auch besorgt feststellt, dass er sich nicht mehr ohne weiteres auf längere Texte konzentrieren kann. So hat er einen überaus informativen Beipackzettel für das Internet geschrieben, in dem er über dessen Nebenwirkungen aufzuklären versucht.

Die Internetnutzung unterscheide sich grundlegend von der gesammelten Art, wie der gebildete Mensch sich bisher in Literatur vertieft und Wissen angeeignet hat. Stattdessen verlange das Netz nach geteilter Aufmerksamkeit und halte einen auch noch ständig an, sich mit irrelevanten Problemen zu befassen. „Man versuche nur, gleichzeitig ein Buch zu lesen und ein Kreuzworträtsel zu lösen - das ist das geistige Milieu des Internets.“ Carr beleuchtet diese Zerstreuung aus diversen Blickwinkeln. Die Zerstückelung von Inhalten, die Verweise auf stets neue Texte mittels der Hyperlinks, die rasante Schlagzahl der Neuigkeiten, und natürlich die Werbung. Solange man sich in dieser an Reizen reichen Welt aufhält, fällt die geistige Sammlung naturgemäß schwer. Da zudem die Tiefe der Überlegungen vom Grad der Aufmerksamkeit abhängt, kann der surfende Verstand nur ein recht oberflächlicher Zeitgenosse sein.

Was hat das mit den zunehmenden Konzentrationsschwächen bei der Buchlektüre zu tun? Wir können zwar offline gehen, bleiben dabei aber auf dasselbe Gehirn angewiesen, das sich den neuen Anforderungen angepasst hat. Carr führt Studien zur sogenannten neuronalen Plastizität an, die nachweisen, dass sich die Nervenzellen ihrem Gebrauch gemäß neu ausrichten. Schlechte Angewohnheiten verstetigen sich strukturell in unserem Denkorgan. „Neurologisch betrachtet werden wir zu dem, was wir denken.“

Zu diesen bereits aus Carrs Essay bekannten Ausführungen tritt im Buch – neben Exkursen in die Mediengeschichte – ein neues Argument, das es in sich hat. Oft heißt es ja, die Datensammlungen im Netz und ihre unbegrenzte Verfügbarkeit würden uns von der mühsamen Gedächtnisarbeit entlasten und so Potenzial für kreativere Aufgaben freisetzen. Doch in Wahrheit, so Carr, verhält es sich anders. Kurzzeiterinnerungen brauchen Zeit, um zu langfristigen Erinnerungen zu werden, die die Persönlichkeit des Menschen prägen: „Wenn wir unser Gedächtnis in eine Maschine auslagern, lagern wir damit auch einen wichtigen Teil unseres Intellekts und sogar unserer Identität aus.“ Wie jeder große technologische Fortschritt nimmt das Internet dem Menschen einen Teil der Bürde ab, Mensch zu sein.

So steht für Carr mehr auf dem Spiel als die Buchlektüre, deren Wert bei der jüngeren Generation ohnehin als altmodisch gelte, so „als ob man sein Hemd selbst nähte oder sein Fleisch selbst schlachtete“. Was hat dazu führen können, dass, wie er anführt, selbst Literaturdozenten Bücher für Zeitverschwendung halten? Und dass suchmaschinengerecht vorhandene Information als Wissen ausgegeben wird? Und dass ein maschinenhaftes Gedächtnis auf viele wie eine Verheißung wirkt?

Nicholas Carr bewegt sich ausschließlich auf der Ebene der Medienkritik und einer Geschichtsauffassung, die in der Technik die treibende Kraft erblickt. Indem er es dem Leser überlässt, sich darüber hinaus Gedanken zu machen, appelliert er an eine Kraft, mit der man vielleicht immer noch rechnen muss: den menschlichen Geist.

— Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin, und was macht mein Gehirn solange? Aus dem Amerikanischen von Henning Dedekind. Blessing Verlag, 383 Seiten, 19,95 €.

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