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Sachbuch : Die Welt als Welle und Vorstellung

28.12.2011 00:00 Uhrvon
Am Fischgrund für Metaphern. Der britische Wolkenforscher Pretor-Pinney beobachtet neuerdings die Meeresoberfläche. Foto: dpa Foto: dpaBild vergrößern
Am Fischgrund für Metaphern. Der britische Wolkenforscher Pretor-Pinney beobachtet neuerdings die Meeresoberfläche. Foto: dpa - Foto: dpa

Über die wellenförmige Beschaffenheit unserer Welt: Der britische Wissenschaftler und Gründer der Gesellschaft der Wolkenbeobachter Gavin Pretor-Pinney erkundet ein wässrig-philosophisches Phänomen.

Den Meereswellen der Ostsee setzte Eduard von Keyserling in seinem Roman „Wellen“ bereits 1911 ein literarisches Denkmal: „Der Himmel wurde jetzt farbig, die Wolken am Horizont bekamen dicke goldene Säume, und eine Welle von Rot übergoß den Himmel. Auch in das Graugrün des Meeres mischten sich blanke Fäden, und die Höhlungen der brechenden Wellen am Strande füllten sich mit Rosenrot, und plötzlich begann das Meer weiter dem Horizonte zu ganz in Rotgold zu brennen.“ Vermutlich wusste von Keyserling gar nicht, dass er neben den Wellen auf dem Wasser auch jene Wellen einbezog, die uns Farben sehen und das Ozeanrauschen hören lassen.

Aber mit diesem kitschig-schönen Bild vor Augen kann man nachvollziehen, warum sich der Engländer Gavin Pretor-Pinney so sehr von Wellen begeistern lässt, dass er ihnen mit seinem Buch „Kleine Wellenkunde für Dilettanten“ gleichfalls ein Denkmal ganz eigener Art errichten möchte: „Gute Neuigkeiten für Trödler.

Dank der Wellen werden Sie in 50 Jahren schon eine tausendstel Sekunde mehr am Tag zur Verfügung haben.“

Doch Wellen hin oder her: Gavin Pretor-Pinneys Leidenschaft sind zunächst die Wolken. Er ist Gründer der britischen Gesellschaft der Wolkenbeobachter. Nun stellt aber jeder, der die Wolken am Himmel eingehender beobachtet, bald fest, dass auch hier ein Phänomen am Werk sein muss, das unsere Umwelt und Wahrnehmung maßgeblich bestimmt: Wellen. „Das klingt vielleicht, als würde ich zu viel Zeit allein verbringen“, räumt der Autor ein. Aber selbst auf den Laien können Wellen eine große Faszination ausüben. „Der ausdrucksvolle Charakter der Wellen hat das Meer schon immer zu einem ergiebigen Fischgrund für all jene gemacht, die auf der Suche nach einer guten Metapher waren“, erklärt Pretor-Pinney. Er selbst fand an der heimischen Küste vor Cornwall zum Thema. Seine Tochter an der Hand, stellte er ihr die entscheidenden Kinderfragen: Woher kommen die Wellen? Wohin gehen sie?

Von Cornwalls Strand aus nimmt Pretor-Pinney seine Leser mit auf eine furiose Reise durch die Welt der Wellen. „Die wellenförmige Beschaffenheit unserer Welt mag so unmerklich in Erscheinung treten, dass viele von uns zeit ihres Lebens davon keinerlei Notiz nehmen, aber sie ist so grundlegend für unsere Welt, dass man sie in allem bemerkt, sobald man beginnt, darauf zu achten.“

Wellen sind allgegenwärtig. Dank der Lichtwellen nehmen wir die Farben einer Blumenwiese wahr, dank der Schallwellen hören wir Musik und Worte. Wellen helfen dabei, die Nahrung durch den Körper oder das Blut durch die Adern zu transportieren. Die moderne Kommunikationstechnik basiert auf Wellen, die Stimmung im Fußballstadion (La Ola!). Es gibt Druck–, Sprung-, Torsions-, Stoß- oder Mikrowellen. Es gibt Dünen, das Wattenmeer, und ja, auch Schlangen und Schnecken bewegen sich wellenförmig.

Pretor-Pinney kennt sie alle. Er forscht ihnen nach, spricht mit Wissenschaftlern, Technikern, Surfern. Und obwohl er zu erkennen gibt, selber nicht alle Einzelheiten zu durchschauen, bereitet er das Gros der Informationen ebenso nachvollziehbar wie unterhaltsam auf. Man könnte sagen: So macht Physikunterricht Spaß! Oder: Dieses Buch ist besser als die „Sendung mit der Maus“. Hier erhält man ein Bild davon, wie spannend und praxisbezogen das Verstehenlernen von naturwissenschaftlichen Phänomenen sein kann. Die Neugier und Begeisterung des Autors stecken an. Sein Buch strahlt eine Energie aus, die auf den Untersuchungsgegenstand abfärbt: „Wellen sind Energie, die durch Dinge hindurchgeht; sie sind nicht Dinge an und für sich.“

Ach ja: Warum gewinnen wir nun durch Wellen in den nächsten 50 Jahren diese ominöse tausendstel Sekunde am Tag? Weil die Gezeiten, also die Reibung der Wassermassen, dazu führen, dass sich die Drehung der Erde verlangsamt. Insofern kann mit Gavin Pretor-Pinney die Losung für die Zukunft nur lauten: Eile mit Weile!

Gavin PretorPinney: Kleine Wellenkunde für Dilettanten.

Aus dem Engl. von

Michael Hain und

Yamin von Rauch.

Verlag Rogner &

Berhard, Berlin 2011.

348 S., 24,90 €.

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