Kultur : Sack die Wahrheit

Ulrich Amling

"Life is a game - and we are the winners", verkündigt ein Herr in weißem Sakko, der gerne als "Host" eines Abends grenzenloser Wunscherfüllung fungieren möchte. Und er tut es im Brustton professioneller Begeisterung, der Animation, der kalten Geilheit. Kein Wunder, dass seiner ins Mikrofon gesäuselten Aufforderung nur schleppend Folge geleistet wird. So zögerlich, wie es dem Publikum im Parkett des Hebbel-Theaters gelingt, den Eindruck von leere Sitzreihen wegzuinszenieren, so langsam ergreifen die Tänzer der Prager Formation "Déjà Donné" ihre Chance, sich im besten Licht zu zeigen. Oder war ihnen nur aufgefallen, dass der choreografische Zirkel der Hauptstadt mit selten einmütiger Abwesenheit glänzte, die Neugier auf die von Nele Hertling zum "Tanz-Winter" geladenen Produktionen deutlich abgekühlt scheint?

Doch dann tauchen sie auf, brechen durch einen Vorhang von Klamotten, die - auf eine gewaltige Kleiderstange gereiht - die Bühne begrenzen. Eine verschobene Choraufstellung wird erstolpert, der gesungene Text knittert ineinander wie Textilien in einem Rote-Kreuz-Sack. "I can give you anything but love", behaupten sieben sympathische Menschen - und trotz der tonalen Schräglage will man ihnen das (noch) gerne glauben. Doch Liebe so ganz ohne individuelle Hitzigkeiten und Trübungen lässt sich nicht mal durch kräftiges Drehen am Bühnenlicht perfekt ausleuchten: Irgendwo fallen immer Schatten hin. Und so verbraucht sich das bis zum rasanten Slapstick gesteigerte Einverständnis unter den Akteuren rapide.

"In Bella Copia", die zweite Choreografie der Compagnie-Gründer Lenka Flory und Simone Sandroni, steuert mit schnaufender Wucht geradewegs in die grauen Gefilde der Frustration. Nicht, dass die enttäuschenden Begebenheiten besonders frisch vom Baum der Geschichten gepflückt wären: Da hält es ein Schrank von einem Mann nicht aus, dass die Begehrte unter dem begeisterten Johlen der Meute zum Strip ansetzt. Da verwickelt eine Frau zwei Männer in ein glühlendes Umgarnen, ein Wirbeln, das körperliche Distanzen niederringt - doch dass sich die beiden gleich durch ihre Kleider wühlen wollen, zur nackten Haut drängen, lässt sie in Trauer erstarren. Sowas hat man schon gesehen, doch die "Déjà Donné"-Tänzer spinnen die Bilder charmant weiter: Was nett aussieht, muss noch lange nicht funktionieren. Ein Fazit mit Augenzwinkern, das tröstlich auf die Leser von Frauen- und Männermagazinen, Fitness- und Karrierepostillen wirken dürfte. Auf uns alle also. So registriert man mit stiller Freude, wie der Animateur nackt auf einem Metallgerüst endet und dort so etwas wie "the show must go on" heult. Soll er doch. Das Theater verlässt man mit einem Lächeln.

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