Kultur : „Saddam lebt von unserer Angst“

Der irakische Exil-Schriftsteller Hussain Al-Mozany verknüpft Hoffnungen mit dem Krieg

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Herr AlMozany, Sie sind in Bagdad aufgewachsen und leben seit über 20 Jahren in Deutschland. Mit welchen Gefühlen erleben Sie den alliierten Angriff auf den Irak?

Mit sehr gegensätzlichen Gefühlen. Auf der einen Seite bin ich grundsätzlich gegen jeden Krieg, erst recht gegen einen Krieg in meinem Heimatland. Auf der anderen Seite knüpft sich eine kleine Hoffnung an den Militärschlag der USA, die Hoffnung, dass die Menschen im Irak endlich das Regime von Saddam Hussein loswerden.

George Bush hat bei der Ankündigung seines 48-Stunden-Ultimatums gesagt: „Der Tag der Befreiung naht.“ Wollen die Iraker denn überhaupt durch einen Krieg befreit werden?

Es gibt keinen Menschen auf der Erde, der nicht in Freiheit leben will. Die Iraker haben auch mehrfach versucht, sich selber zu befreien. 1991 waren sie von dem Vater des jetzigen US-Präsidenten ermutigt worden und unternahmen einen Aufstand gegen das Regime. 14 der 18 irakischen Provinzen fielen in die Hände der Aufständischen, aber dann hat Bush Senior Saddam erlaubt, schwere Waffen einzusetzen, und der Aufstand wurde niedergemetzelt. Es gab Zehntausende Tote. Das war eine Lehre für die Iraker, künftig stillzuhalten. Jetzt hoffen sie, dass der Krieg schnell und mit der Beseitigung von Saddam und seiner Clique endet.

Heißt das, dass die Mehrheit der Iraker einen Krieg in Kauf nimmt, um Saddam loszuwerden?

Viele Europäer meinen, dass man lieber weiter mit Saddam hätten verhandeln sollen. Aber sie kennen diesen Mann nicht. Er ist ein Psychopath, der kein Erbarmen kennt und sich nicht beschwichtigen lässt. Er hat zwei Millionen Menschen auf dem Gewissen, er hat Giftgas eingesetzt, er lässt sein Volk verhungern und verdient selber netto zwischen zwei und drei Milliarden Dollar pro Jahr.

Sehen die Iraker die Amerikaner als Befreier?

Sie stehen den Amerikanern mit ambivalenten Gefühlen gegenüber. Die amerikanische Regierung war ja nicht immer der Feind Saddams. Während des ersten Golfkriegs zwischen Irak und Iran wurde der Irak noch von den Amerikanern unterstützt. Damals hatte Saddam über Donald Rumsfeld Kontakt mit den Amerikanern aufgenommen, und die Amerikaner gaben sogar den irakischen Ölschiffen im Persischen Golf Geleitschutz gegen iranische Angriffe. Jetzt sagt George Bush Junior, er wolle den Irak befreien, eine Demokratie in Gang setzen und das Land wiederaufbauen. Das sind schöne Worte, aber ihnen müssen Taten folgen.

Welche Taten?

Das dringendste Problem ist die Versorgung mit Nahrungsmitteln und Medizin. Und dann müssen schnell die Sanktionen aufgehoben werden, damit der Irak wieder wirtschaftlich auf die Beine kommt.

In einem Beitrag für die FAZ haben Sie geschrieben, Ihre Tochter habe nach dem Ultimatum von George Bush gesagt: „Wenn die Amerikaner Bagdad angreifen, wird meine Oma sterben.“ Wie groß ist Ihre Angst um Ihre Angehörigen?

Sehr groß. Saddam hält die ganze Bevölkerung des Irak als Geisel. Es war unsere Angst, von der Saddam gelebt hat. Die Iraker haben aber nun keine Angst mehr, sie sind zu Opfern bereit. Saddam wird sehen: Das Volk ist nicht auf seiner Seite. Dies ist Saddams Krieg, es wird auch seine Niederlage sein.

Glauben Sie an ein schnelles Ende des Krieges?

Bisher scheint der Angriff nach Plan zu verlaufen. Die Alliierten sind am ersten Tag der Bodenoffensive 200 Kilometer weit vorgerückt, sie werden bald vor Bagdad stehen. Saddam ist im Grunde erledigt, er hat keinerlei Kontakt mehr mit seiner Armee, die Kommunikationszentren sind zerbombt.

Was wird Saddam jetzt machen: den Endkampf um Bagdad organisieren, Verhandlungen anbieten, fliehen?

Er wird versuchen, Zeit zu gewinnen. Er hat oft auf Zeit gespielt. Seine einzige Hoffnung ist, dass die Weltöffentlichkeit sich gegen die Amerikaner wendet oder dass sich die Araber und Muslime auf seine Seite schlagen. Es geht um seinen Kopf. Wenn seine Stunde naht, weiß ich nicht, wie er reagieren wird, er ist unkalkulierbar. Er hat keine Skrupel und wird jede Waffe einsetzen, die er noch hat.

Was wird nach Saddam kommen?

Die Exil-Iraker – es gibt 3 bis 4 Millionen über die ganze Welt verstreut – hoffen auf einen Neubeginn, an dem sie auch mitwirken wollen. Jahrhundertelang haben die verschiedenen Völker des Irak friedlich miteinander gelebt, das ist eine gute Voraussetzung für Demokratie. Leider wissen die Amerikaner sehr wenig über die siebentausendjährige Kulturgeschichte des Landes.

Es gibt die Angst, dass der Irak nach dem Krieg auseinander fallen könnte.

Das ist die Propaganda von Saddam Hussein. Die verschiedenen Bevölkerungsgruppen des Irak haben sich immer friedlich verständigt, wir haben nie einen Bürgerkrieg erlebt. Die Spaltung des Landes ist erst durch Saddam entstanden, der nach dem Prinzip „Teile und Herrsche“ regiert hat.

Sie sehen die Zukunft des Irak also mit Optimismus?

Das müssen wir. Als Schriftsteller bin ich eher ein Pessimist, aber als Iraker bleibt mir gar nichts anderes übrig als Zuversicht. Ohne Saddam kann es im Prinzip nur besser werden.

In Deutschland sind Hunderttausende gegen den Krieg auf die Straße gegangen. Wie beurteilen Sie die Proteste?

Zu demonstrieren ist das gute Recht der Demonstranten, aber es bringt die Iraker nicht weiter. Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt, hier kann man sich das Elend kaum vorstellen, das Saddam über den Irak gebracht hat. Als Saddam sein eigenes Volk bombardiert und vergast hat, ist niemand auf die Straße gegangen.

Wollen Sie zurückkehren nach Bagdad?

Ich bin durch die Sehnsucht nach meiner Heimat fast schon krank geworden. Ich bin jetzt ein Vierteljahrhundert fort, wenn der Krieg vorbei ist, will ich mit meiner Frau und meinen Kindern nach Bagdad fahren. Ob nur als Besucher oder ob es dort eine Aufgabe für mich geben wird, wird sich zeigen.

Das Gespräch führte Christian Schröder.

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