Kultur : Saddamische Verse

Der Diktator sorgt für Dichtung und Klarheit

Steffen Jacobs

Gedichte? In der öffentlichen Meinung schienen sie fast völlig zur Privatsache geworden zu sein. Selbst Hans Magnus Enzensberger hatte die Zukunft der Lyrik vor einiger Zeit nur noch im exotischen Artenschutz gesehen (und gerade wieder einen neuen Gedichtband herausgebracht...). Im Fernsehen hat die Poesie ihren Platz in den Kultursendungen längst räumen müssen und ist im Werbeblock gelandet, wo wir über den goldgelben Mais aus der Dose erfahren: „Einfach ein Gedicht!“ Bis vor wenigen Tagen konnte man mit Fug und Recht also fragen: Was ist harmloser als ein Gedicht?

Plötzlich aber kehrt das Gedicht auf die Weltbühne zurück - vielleicht nicht gerade triumphal, doch in Siegerpose. Neue Aufmerksamkeit gewinnt die Lyrik durch einen Mann, den wir bisher nicht eben auf dem nahöstlichen Diwan der Poesie vermutet haben: Saddam Hussein. Mitten in seiner Fernsehrede zum Krieg verfiel der Diktator auf einmal in den Ton des Sängers und begann ein Gedicht zu deklamieren, das er angeblich selbst verfasst hat. Natürlich handelt es sich nicht um zarte Liebeslyrik, vielmehr um martialische Verse.

Höchste Zeit also, nach der Überprüfung des ABC-Waffenarsenals die Lyrik des Diktators in Augenschein zu nehmen – der sich jetzt als scharfer ABC-Schütze versucht. Ein Fall für die Lyrik-Inspektoren. Ganz ohne kulturelles Hintergrundwissen geht es dabei nicht. Hier ein paar Stichworte: Die arabische Lyrik ist traditionell reich an Metaphern; mystisch-religiöse Überhöhung und sprachliche Musikalität sind ihr wichtiger als Realien des täglichen Lebens. In Deutschland haben sich einst Goethe, Rückert und Platen von orientalischen Sprachmelodien inspirieren lassen. Die gleichen Qualitäten führten später dazu, dass die arabische Dichtung den Anschluss an die (westliche) literarische Moderne weitgehend verpasst hat.

Reime und strenge Versmaße finden wir in Saddams Kriegsdichtung nicht, was daran liegen mag, dass solche Kunstfertigkeit mehr Zeit erfordert, als dem dichtenden Despoten jetzt bleibt. Zu befürchten steht auch, dass es sich bei der englischen Fassung, die uns über die BBC erreicht, um eine schlichte Interlinearübersetzung handelt. Doch auch so lässt sich erkennen, die Bildwelt von Saddams titellosem Gedicht weist zurück auf die Kriegsführung vergangener Jahrhunderte, gekämpft wird nicht mit Panzern oder Raketen, sondern als wehrhafter Ritter: „Sattelt eure Pferde“ und „Zieht euer Schwert“ („unsheathe your sword“) lautet die Parole, die den Text leitmotivisch durchzieht.

Adressat ist ein namenloser, idealtypisch überhöhter Heiliger Krieger, der den Feind ebenso in Angst und Schrecken versetzt, wie er den Verzagten in den eigenen Reihen Mut macht. Als „Blinde und Stammelnde“ werden die Kampfesmüden bezeichnet. Die künstlerischen Mittel dienen ganz dem agitatorischen Zweck.

Ähnliches gilt für die formale Gestaltung. Nur so lässt sich erklären, warum der Autor den effektvollen Imperativ „Zieht euer Schwert“ schon nach der zweiten Strophe fallen lässt und erst zum Schluss halbherzig wieder aufgreift. Einem Poeten vom Range Hafis wäre das nicht passiert. Statt dessen wird der zweite Teil des Gedichtes von wabernden Blitz- und Feuermetaphern dominiert. Es liegt nahe genug, hier an das Entzünden von Ölquellen zu denken. Leider gehen solch metaphorisch verschleierte Kommandos auf Kosten der rhetorischen Stringenz.

Wie aber wäre es, wenn George W. Bush mit einem Gegengedicht antworten würde - etwa in der Tradition von Walt Whitman oder Edgar Allen Poe? Allzu hoch hat Saddam die Messlatte nicht gehängt. Eine unabhängige Jury, der etwa die Nobelpreisträger Seamus Heaney (Irland) und Nagib Machfus (Ägypten) angehören könnten, würde über den Ausgang des Poetry-Contests entscheiden, getreu der Parole: Unsheathe your words! Und dann werden die Schwerter wieder zurückgesteckt, weil ja schon Worte ein bisschen töten können. Mögen Gedichte auch nicht ganz so harmlos sein, wie es manchmal scheint - weniger verheerend als Patriot-Raketen sind patriotische Poeme allemal.

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