Kultur : Saddams Ende

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Peter von Becker über das Heldenschurkendrama von Bagdad

Noch lebt er wohl. Doch Saddam Husseins Tage in Bagdad sind gezählt – das ist nun keine Phrase mehr. Man kennt nur nicht die Zahl und nicht das wirkliche Ende: Tod, Gefangennahme oder Exil. Jedenfalls gehört der Tyrannensturz zu den dramatischsten Momenten der Geschichte – und auch der Mythologie, die sich am Motiv der gewaltsamen Götterdämmerung delektiert. Dagegen weckt das Sterben der namenlosen Vielzahl von Kriegs und Gewaltopfern zwar kurzfristig unser Mitleid (und unsere Empörung). Aber die aus Abscheu und Neugier, aus shock and awe, aus Schrecken und Ehrfurcht gespeiste Faszination gilt doch noch immer den Großtätern der Historie: von Nero bis Napoleon, von Hitler bis Stalin – und jetzt Saddam Hussein.

Die Gewaltherrscher, die Völkermörder sind wie schwarze Sonnen im Universum des Menschenmöglichen, und sie haben immer ihre Trabanten und Satrapen, ihre Henker und Hofnarren. Da ist in Bagdad zum Beispiel der alltäglich, allabendlich auf unseren Fernsehschirmen präsente Muhammad Sajid al Sahaf, Iraks Informationsminister und Saddams Sprachrohr. Dieser kleine Mann ist erstaunlich. Er scheint seine Auftritte in Battledress und Barett vor den Augen der Welt geradezu zu genießen. Trotz Bombennächten und dem absehbaren Zusammenbruch des eigenen Regimes verbreitet Sahaf scheinbar ungebrochenen Optimismus („Der Feind sitzt in der Falle“). Das ist, als hätte Propagandaminister Goebbels im April 1945, ein paar Wochen oder Tage vor seinem Selbstmord im Führerbunker, noch Pressekonferenzen in den Resten der Reichskanzlei gegeben, um die Wunderwaffen und Geheimarmeen des Führers zu beschwören. Wenn man Sahhaf jetzt sieht, weiß man nicht, ob dieses im Angesicht seines nahen Endes offenbar sensationell nervenstarke Temperamentsbündel ein Wahnsinniger ist, ein Clown (Shakespeares Wort für den Narren des Königs), ein Gläubiger oder einfach ein zynischer Spieler. Das macht Sahafs weltöffentlichen Auftritte zum Geheimnis, und sein Herr bleibt dahinter im magischen Dunkel.

Auch von Saddam, der seit Jahrzehnten in den Schlagzeilen steht, wissen wir eigentlich – fast nichts. Ein Killer, Folterer und kalter, intelligenter Taktiker, ein machiavellistischer Technokrat, der somit vielen fabulösen Vorurteilen über orientalische Herrscher widerspricht, aber der zugleich an die frühgeschichtlich-mythische Tradition der Despoten Babylons anknüpft. Soeben liegen die Amerikaner mit der Nebukadnezar-Division im Kampf, und Saddam sieht sich selbst in der Nachfolge jenes Königs NebukadnezarII., der laut Altem Testament den Turm von Babel bauen ließ. Dessen Sohn war Belsazar, den wir durch Heines gleichnamige Ballade kennen: Belsazar, der in lästerndem Größenwahn aus geraubten Bechern Jehovas säuft, bis die Flammenschrift an der Wand, das Menetekel, erscheint – und „in selbiger Nacht“ ward der König „von seinen Knechten umgebracht“.

Die neue Flammenschrift, die Herrn Sahaf noch immer als Strohfeuer gilt, ist auch Saddam gewiss bekannt. Selbst wenn er seinen Führerbunker kaum mehr verlässt. Ob er von seinem Hofstaat, das eigene Leben zu retten, doch noch getötet wird oder Selbstmord begeht, es wird allemal ein Heldenschurkendrama. Ein größerer, grausigerer Fall als die Flucht und Exekution Ceausescus. Für das Exil (eine humanitäre Provokation) ist es wohl zu spät, und als Märtyrer taugt kein Tyrann. Heiner Müller lässt Shakespeares Macbeth, den Belagerten im Endkampf, sagen: „Ein Wall aus Leichen gegen meinen Tod.“ Es ist auch Saddams letzter Wall.

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