Kultur : Saddams Söhne

Warum Amerika die Leichen seiner Feinde nicht ausstellen darf/Von Tahar Ben Jelloun

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In der muslimischen Tradition sorgt Allah für jede Seele. Gleiches gilt für ihre Hülle. Daher muss der Körper von Toten bedeckt werden und darf nie in seiner Nacktheit gezeigt werden. Gewöhnlich folgt ein Krieg Gesetzen, die zumindest den Respekt vor solchen moralischen Prizipien vermuten lassen. Was jetzt im Irak geschieht, ist zwar kein Krieg im eigentlichen Sinne. Was aber auch immer die Verbrechen der SaddamSöhne Udai und Kusai sein mögen, was auch immer die Schändlichkeiten, die sie sich während der Diktatur ihres Vaters haben zuschulden kommen lassen – kein Gesetz gestattet es den Amerikanern, ihre Leichen öffentlich zu zeigen, zu fotografieren, sie als Trophäen einer sehr seltsamen Jagd zur Schau zu stellen.

Diese Trophäen werden wie die Beweise des Sieges über ein Regime präsentiert, das es nicht mehr gibt. Aber das Problem liegt woanders. Es zeigt sich in der Verachtung, die die Amerikaner mit dieser Geste ihren Gegnern gegenüber zum Ausdruck bringen: in der wegwerfenden Ignoranz gegenüber der arabischen und muslimischen Welt. Denn den Muslimen zwingt der Tod Respekt auf. Ein Sprichwort sagt: Mit dem Tod erlischt die Feindschaft. Wie kann man sich damit brüsten, die Leichen zweier Flüchtlinge auszustellen, die die Geschichte schon verurteilt hat und die ohnehin nicht mehr zählen? Diese vorsätzliche Verrohung der westlichen Zivilisation, diese Arroganz einer Kraft, die das internationale Recht vergewaltigt, dieser Triumph über einen Haufen Ruinen und eine desaströse Politik beschädigen das Bild des Westens und seiner Werte.

Wir erinnern uns alle an Che Guevaras Leiche auf einem Tisch, den Fotografen und den Fernsehsendern weltweit zum Fraß vorgeworfen. Wir erinnern uns an die von Kugeln zersiebten Körper von Ceausescu und seiner Frau in einem schneebedeckten Hof, der von der Exekution besudelt war. Man könnte noch weiter zurückgehen, in die Zeit Mussolinis, als die Leichen der Männer der Resistenza zur Schau gestellt wurden, oder an die Leiche des Diktators selbst auf dem Piazzale Loreto. Spinoza sagt: „Das Schicksal des Seins ist es, in seinem Sein zu beharren“, das heißt, sich nicht zu verändern, ohne dass dies die Evolution verhindert. Also bleibt das Sein auch seiner eigenen Barbarei verhaftet, denn sie schmeichelt seinem Egoismus und seiner Mannhaftigkeit.

Wenn man die Leichen seiner eigenen Feinde ausstellt, dann heißt das, dass man sich des Sieges noch nicht sicher ist, dass der Zweifel bleibt und die Brutalität an die Stelle des Feingefühls und der Scham tritt – beides Elemente, die Bush und seinem Verteidigungsminister vollkommen fehlen.

Kriege, Konflikte und Kämpfe sind integrale Bestandteile des Lebens. Sie sind nicht immer vermeidbar. Doch auch beim Kriegführen kann man sich einige menschliche Werte bewahren. Die Gefühle aber von Millionen von Arabern und Muslimen zu verachten, indem man die halbverkohlten Leichen von Udai und Kusai zeigt (zwei Individuen, die zu Lebzeiten kaum beachtet wurden): Das ist nicht nur ein politischer Fehler, sondern ein moralischer Defekt, ein Mangel an jener Achtung, die jedes menschliche Wesen seinesgleichen schuldet.

Der Schrecken ist ohne Worte und tonlos. Er reist durch die Luft und legt sich wie ein Schleier der Schande über die ausdruckslosen Gesichter: Schatten von Männern, von menschlichen Überbleibseln. Es ist, als ob hungrige Hunde hinter ihren Objektiven nur darauf warten würden, jene versengten Gerippe zu fressen, die an nichts mehr erinnern, die die Körper von verzogenen Kindern waren, die alles missbrauchten, die Macht und alles andere – aber heute sind sie eben nur noch ein Haufen Asche. Und auf solche schauerliche Asche ist der Präsident des mächtigsten Landes der Welt stolz. Wie traurig!

Der Schriftsteller Tahar Ben Jelloun stammt aus Marokko und lebt in Paris. Zuletzt erschien von ihm auf Deutsch „Papa, was ist der Islam? Gespräch mit meinen Kindern“ (Berlin Verlag 2002). – Übersetzung aus „la Repubblica“ von Jan Schulz-Ojala

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