Kultur : "Sade": Du liebst mich

Gregor Dotzauer

Die Freiheit, die er suchte, war in jeder Hinsicht ein Gespenst. Der Marquis de Sade predigte eine Libertinage, die ihn über ein Drittel seines 74-jährigen Lebens ins Gefängnis brachte. Und er lebte und inszenierte sie auf eine Weise, die ihn vielleicht weniger zum Herrn und Meister der Lust machte als zu ihrem Sklaven. Die Idee befreiter Körper machte immer wieder Halt vor ihrer realen, immer neu zu brechenden Widerständigkeit. Auch seine Bücher sind Zeugnisse eines Denkens, das vor allem aus seinen eigenen Fixierungen ausbrechen wollte - und erst dann Schriften einer sexuellen Utopie. "Justine" oder "Die 120 Tage von Sodom" sind mühselig zu lesende Werke eines papierenen Hengstes, eines dem Aufzählungswahn verfallenen Autors, der im Leben nie einholte, was er der Kunst zu entreißen versuchte. Ein Kinostoff, warum nicht, in seiner ganzen Gewalt und Schaulust - gerade, wenn man wie der französische Regisseur Benoît Jacquot beides verweigert.

Sein "Sade" versucht, einen Marquis jenseits des Klischees zu zeigen und lehrt doch nur, dass darin wohl ein Gutteil der Wahrheit enthalten ist. Zumindest entdeckt Jacquot jenseits des Erotomanen nicht viel. Daniel Auteuil prunkt mit einer Passepartout-Dämonie, die über Sade nicht viel verrät. Der Film - nach einem Drehbuch von Jacques Fieschi - spielt in Picpus, einem Sanatorium auf dem Lande, wo die vom jakobinischen Tugendterror verfolgten Adligen eine Gefangenschaft mit zweifelhaften Annehmlichkeiten genießen - und den Ausblick aufs Schafott vor der Haustür. Worum könnte es nicht alles gehen: um die Lebensbejahung im Schatten der Guillotine. Um die geschlossene Gesellschaft, die von ihren alten Regeln nicht lassen kann. Und um eine Freiheit, die politisch nicht definiert werden kann. Motive, die kein Thema werden.

Marianne Denicourt als Sades langjährige Geliebte ist nur schön, so dass Isild Le Besco als schüchterne Schülerin der Liebe, die mutig genug ist, die Grenzen ihrer moralischen Welt zu überschreiten, ihr die Schau stiehlt. Das Schlimmste aber ist, wie mutlos Jacquot erzählt, wenn es etwa darum geht, einen Blick auf Denicourts nackten Oberkörper zu werfen. Sofort zerstört ein Schnitt die erzählerisch notwendige Perspektive - wo er sonst das ganze Repertoire begehrlicher Blicke ausspielt. Kino als Kunsthandwerk: unverbindlich und illustrativ auch im jakobinischen Schrecken. Ein Trauerspiel, dass so etwas im Kampf gegen den amerikanischen Mainstream als cinéma de qualité gilt.

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