Kultur : Sächsisches Überpreussen

Ein amerikanischer Historiker beschreibt die Geschichte der Wende-DDR: Charles S.Maier, Direktor des Harvard-Zentrums für Europäische Studien, will, beeindruckt von der friedlichen Revolution, "die Stimmen der DDR-Bürger ehren, ihre Verdienste in den Mittelpunkt stellen".Die Vorstellung seines fast 600 Seiten schweren Werkes "Das Verschwinden der DDR und der Untergang des Kommunismus" (S.Fischer) auf der Leipziger Buchmesse zog Hunderte von Besuchern an.Auch lockte ein mit dem Historiker Eric Hobsbawm, Hans Dietrich Genscher, Joachim Gauck und als Moderator "Zeit"-Chefredakteur Roger de Weck prominent besetztes Podium.Gauck lobte an Maiers Buch den "Charme des Erzählens und Verstehens", den nur der Blick von außen erlaube.Die DDR sei ein "sächsisches Überpreußen" gewesen, dessen historische Auflösung so rasch ging, "daß unsere Psyche die Entwicklung nicht mitgemacht hat".Hobsbawm erntete Beifall für seine Analyse des Sonderstatus der DDR im Kreis der kommunistischen Länder.Als weniger agrarisches und eher industrielles Land sei die DDR von der Sowjetunion ausgesogen worden.Im Gegensatz zu Polen und Ungarn gab es keine Pläne für ein Übergangsszenario vom Sozialismus zum Kapitalismus."Der Kapitalismus ist eine ununterbrochene Revolution", sagt Hobsbawm, "jeden Tag geschieht etwas Neues.Im Kommunismus bleibt, mit Ausnahme der Verstaatlichungen, vieles einfach wie es ist.Darum war die DDR auch noch deutscher als der Westen".Hans Dietrich Genscher wünschte sich "ein europäisches Deutschland statt eines deutschen Europa".Durch die Ost-Erweiterung der EU werde Deutschland politisch wie geographisch Mitte Europas.Nach der Podiumsdiskussion erklärte Eric Hobsbawm zum Kosovo-Konflikt: "Die Lage war seit zehn Jahren vorauszusehen.Einen Frieden kann man nicht herbeibombardieren."

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