Sämmtliche Gedichte : Ein Virus namens Sprache

Dietmar Dath kreuzt in seinem Roman „Sämmtliche Gedichte“ Biowissenschaft und Poesie.

Meike Feßmann
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Der Autor liebt das Androgyne. Amelia Earhart vor ihrer Lockheed Electra. Foto: NASA

Wörter, Wörter, immer nur Wörter! Was aber nützen sie, wenn man im entscheidenden Augenblick nicht die richtigen findet? Wie viele braucht man – so viele, wie es gibt? Dann käme man nie an ein Ende. Manchmal genügt schon eine Handvoll, was für ein Glück: „Du bist total schön“, sagt der Held zur Heldin, und schon sinkt sie dahin. Zwei erfüllte Liebesmonate gönnt der Autor den beiden. Dann beginnt das Taktieren, das Abstandnehmen, die Fluchtbewegungen und das ganze Gehabe rund um den Stolz: Wer ist schneller weg, um nicht der Verlassene zu sein? Auch wenn in diesem Roman vieles anders ist als in der schnöden Wirklichkeit und die Frauen das stolzere, schönere, intelligentere und ohnehin lebensklügere Geschlecht sind, ist es auch hier der Mann, der sich ein bisschen schneller in Sicherheit bringt. Der Malerin Johanna Rauch, die mit dem Lyriker Adam Sladek für kurze Zeit ein Paar sein darf, sie zwei Jahre jünger, er zwei Jahre älter als vierzig, passiert das nicht zum ersten Mal. So wie alle Figuren in diesem Roman verflossenen Lieben nachtrauern, die immer wieder auf- und abtauchen, ein Reigen der Verfehlungen, hochaktuell und zugleich ins Mythische zurückerzählt.

Dietmar Dath, ehemaliger „Spex“– und „FAZ“-Redakteur, sozialisiert mit hartem Rock, Pop, Science Fiction, Comics und der angemessenen Überdosis Theorie, schreibt, seit er schreibt (also vermutlich schon immer), der Gegenwart hinterher. Als manischer und bekennender Vielschreiber türmt er Buch auf Buch, lange Zeit in Kleinverlagen (wie dem entdeckungsfreudigen Verbrecher Verlag), mittlerweile bei Suhrkamp, also in guter Nachbarschaft zu Rainald Goetz, dem anderen wieselflinken Gegenwartsmitschreiber. Doch während Goetz den Faden einfach immer weiterspinnt, Gegenwart wächst ja ständig nach, scheint Dietmar Dath davon zu träumen, die Raserei wenigstens für eine gewisse Zeit zum Stillstand zu bringen. So als könnte, wer sich weit genug in die Zukunft phantasiert, ein wenig ausruhen, bis die Gegenwart hinterhergekommen ist.

„Sämmtliche Gedichte“ (die Schreibung verweist auf Wieland und soll zugleich ein Erkennungszeichen sein) ist ein kühner, immer wieder hell begeisternder Roman und zugleich ein beängstigendes Kunststück der Selbstgefährdung. Wie Lautréamont, der sich in Maldoror verwandelt, um sich mit dem Luziferischen zu infizieren, spielt auch Dath mit Figurationen seiner selbst. Es gibt in diesem Roman eine Figur seines Namens, die man natürlich nicht mit dem Autor verwechseln darf, und eben jenen Lyriker Adam Sladek, der sich in Johanna Rauch verliebt, die man bereits aus „Dirac“ kennt. Er ist mindestens ebenso ein Alter Ego des Autors wie die Figur gleichen Namens, umso gewagter, dass Dietmar Dath den Poeten in ein Manipulationsschauspiel hineintreibt, das Elemente der Science Fiction mit biotechnologischen Phantasmagorien verschmilzt.

Colin Kreuzer, ein Biowissenschaftler, der es mit seinen Forschungen zum Milliardär gebracht hat, heuert den armen Poeten an, lässt ihn in seiner Villa mitten im Wald wohnen und manipuliert währenddessen nicht nur seinen Wahrnehmungsapparat, sondern auch sein Gehirn. Er will ran an die synthetischen Fähigkeiten einer dichterischen Sprachbegabung, um das Wissen der Welt, das man sonst in langwierigen Analysen rekonstruieren müsste, für seine Gattungsexperimente zugänglich zu machen. Statt den Umweg übers Klonen zu nehmen, träumt er von der strategischen Steuerung und Beschleunigung der Evolution mittels des direkten Zugriffs auf die Informationsverarbeitung der Gattung.

Die Brabbelsprache-Symbiose zwischen Mutter und Kind, also die ontogenetische Entwicklung, soll gleichsam direkt auf die phylogenetische Ausstattung übertragen werden. Dass das Ganze ziemlich windig ist, scheint der Autor zu wissen. „Ist doch interessant wie nix! Oder eben albern, je nachdem“, sagt Dath, die Figur, die ebenfalls im Dienst Kreuzers steht und Adam Sladek das Unternehmen erläutert.

Sladek wird ohne sein Wissen zum Träger eines Virus, der nicht nur ein Sprachvirus im Sinne von William Burroughs ist („language is a virus from outer space“), sondern offenbar auch Frauen, mit denen er schläft, unfruchtbar macht. Warum dieser Aufwand um die altbekannte Tatsache, dass Männern die Gebärfähigkeit der Frauen unheimlich ist, zumal wenn sie in Konkurrenz zur künstlerischen Schöpfung steht? Misogynie kann man dem Autor nicht vorwerfen. Weiblichkeit ist ihm allemal lieber als Männlichkeit. Am liebsten aber wohl Androgynität. Artemis, Jungfrau, Jägerin, knabenhaft stark, hat ihren Auftritt in vielerlei Gestalt, vor allem als Amelia, die kühle Botin mit dem Fluggefährt, die Adam Sladek immer wieder in die Villa zurückbringt, denn er lebt nur zeitweise dort.

Sie ist eine Art Reinkarnation von Amelia Earhart, der amerikanischen Flugpionierin und Frauenrechtlerin, die 1937 über dem Pazifik verschollen ist.

Überaus stark ist der Roman in den Momenten des Aufschwungs. Es ist der Reiz von Daths Schreibstil, dass er beides zusammenbringt: den sehr direkten Zugriff auf die Wirklichkeit, als könnte man sie schnell und hart am Schlafittchen packen, und den Spin, den er ihr mitgibt. Mal dreht er die Sache ins Komische, Lakonische, mal schraubt er sich hoch ins Manieristische, mal unterspielt er, nur selten wird er pathetisch, oft aber werden die Wörter aufgeladen mit möglichst viel Sprachenergie, durch Neologismen, grelle Vergleiche, Lautmalereien. Sein Schreiben zielt auf Ekstase und gesteigertes Aufnahmevermögen.

Bei aller Technologiebegeisterung und politischen Ernsthaftigkeit ist Dietmar Dath vor allem ein Autor der Liebe und des sexuellen Begehrens. Colin Kreuzer hat neben seiner Villa auch einen Lusttempel eingerichtet, in dem es nicht nur schöne Frauen gibt, sondern auch den Sohn des Wirts, der Adam Sladek die Freuden der Knabenliebe nahebringt. Die sozialistische Utopie ist bei Dath immer auch eine erotische Utopie und in diesem Roman zum ersten Mal auch in gewisser Hinsicht eine religiöse.

„Sämmtliche Gedichte“ ist nicht nur ein „verwilderter Roman“ im Sinne Clemens Brentanos, der sich in „Godwi“ das weibliche Alter Ego Maria erfand. Er ist durchdrungen von einer Erlösungsfantasie, die bei diesem dezidiert auf- und abgeklärten Autor überrascht. Alte Texte zerstückeln und neu zusammensetzen, um damit der Gegenwart beizukommen, ist seine Methode. Es ist ein metonymisches Verfahren, das sich unendlich fortschreiben lässt. Eben dies scheint dem Autor zum Problem zu werden.

Hat er sich in seinem wunderbar spekulativen Roman „Die Abschaffung der Arten“ weit in die Zukunft katapultiert – der Roman erzählt von einer florifaunischen Zivilisation nach dem Ende der Menschheit und war letztes Jahr auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises –, so gräbt er nun in der Vergangenheit nach antiken Mythologemen.

Das Herzstück bildet das Forschungsprojekt, bei dem es auch um eine Sterilisierung der Gattung geht, und die Verwandlung eines Prosaschriftstellers in einen Poeten. Dass Dietmar Dath kein genuiner Lyriker ist, merkt man den Gedichten an, von denen der Roman durchzogen ist. Aber auch, wofür sie stehen: für den Wunsch nach Konzentration und Reduktion, für die Suche nach dem einen Wort, das die Textmaschine zum Stillstand bringen kann. Es ist der alte Traum von der Transsubstantiation, der Verwandlung des Wortes in den Leib.

Nicht nur Colin Kreuzer manipuliert Adam Sladek, sondern auch Dath als Figur des Romans (die auf so etwas Läppisches wie einen Vornamen verzichten kann). Er will sein Werk endgültig abschließen, mit einem letzten Buch, das er nicht einmal mehr selbst schreiben will. Es sind Adam Sladeks „Sämmtliche Gedichte“, die im Roman als Luxusausgabe ediert werden sollen und dort genau so aussehen wie das Buch, das wir in Händen halten: mit dem Knabenmädchen auf dem Cover, das, mit weit aufgerissenen melancholischen Augen ins Licht blickend, von einem Heiligenschein aus Pfeilen und Rätseln umgeben ist. Diese Zeichnung von Joshua Middleton mit ihrer in die Ästhetik des Comic übersetzten nazarenischen Ikonographie bildet den Fluchtpunkt des Romans. „Sämmtliche Gedichte“ sucht nach einer Immunisierungsstrategie, die den Autor vom Schreibzwang erlösen könnte.

Dietmar Dath: Sämmtliche Gedichte. Roman. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009.

283 Seiten, 22,80 €.

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