Kultur : Sänger der Sintflut

Warum Gottfried Benn in der DDR nie richtig ankam – eine Anmerkung zum 50. Todestag

Jörg Bilke

Gottfried Benn, Lyriker, Arzt und Oberstleutnant der Wehrmacht, dessen Todestag sich morgen zum 50. Mal jährt, blieb DDR-Lesern über zwei Jahrzehnte unbekannt. Im „Deutschen Gedichtbuch“ von 1959 war er mit keiner Zeile abgedruckt. Zeitgenossen aus seiner expressionistischen Phase aber, Heym oder Trakl, waren wie die Nicht-Expressionisten Hofmannsthal und Rilke durchaus vertreten. Wer im Vorwort liest, dass die Auswahl an das Kriterium geknüpft war, „das Überkommene vom Standpunkt der Arbeiterklasse“ zu prüfen, versteht, dass Benn hier nicht tragbar war.

Wenn ihn auch die Leser nicht kennen durften, so kannten ihn doch die Germanisten. In der ersten Auflage des „Deutschen Schriftstellerlexikons“ (Weimar 1960) firmierte er als „unter den dekadenten Schriftstellern einflussreichster Lyriker, absoluter Nihilist“, ein Urteil, das erst in der vierten Auflage von 1967 revidiert wurde. In allen Auflagen aber wird auf seine vorübergehende Nähe zum Nationalsozialismus verwiesen. 1972 klang das schon verhaltener: „Benn wandte sich – seinen Irrtum erkennend – Ende 1934 von der nazistischen Herrschaft ab (die durch sein Wirken mit vorgebildet und vorbereitet worden war) und geriet in immer stärkere Isolierung“, was wohl heißen sollte, dass er den Weg zur Arbeiterklasse nicht finden konnte.

Es waren also politische Gründe, die Benn aus dem Kanon ausschlossen. In seinen Rundfunkreden von 1933 hatte er, der seit 1932 auch der „Preußischen Akademie der Künste“ angehörte, sich zum Nationalsozialismus bekannt. Er distanzierte sich allerdings schon 1934, die Ausgabe seiner „Ausgewählten Gedichte“ (1936) wurde von der SS-Wochenzeitung „Das Schwarze Korps“ diffamiert. 1938 wurde Benn aus der „Reichsschrifttumskammer“ ausgeschlossen, obwohl er zur gleichen Zeit in der Wehrmacht Karriere machte.

Seit 1968 setzte eine Revision dieses harten Urteils ein. Hatte Johannes R. Becher noch 1952 in einer Zuschrift an den „Tagesspiegel“ dem in Westberlin lebenden Kollegen vorgeworfen, sich 1933 „angebiedert“ zu haben, und hatte er noch 1957, inzwischen DDR-Kulturminister, in seinem Buch „Das poetische Prinzip“ einen Abgesang auf den „Sänger der Sintflut, des Weltuntergangs“ angestimmt, so erschien elf Jahre später in Leipzig ein Nachdruck der Anthologie „Menschheitsdämmerung“ (1919), in der auch Benn und Becher standen.

Die Einleitung stammte von dem Ostberliner Germanisten Werner Mittenzwei, der den Tenor der expressionistischen Dichtung „menschenfreundlich“ nannte – was freilich auf Benn nicht zuträfe. In seinem Frühwerk herrsche kalter Zynismus; „als Gegenstand der Dichtung erscheint bei ihm der Mensch oft erst im Stadium der Verwesung seiner physischen Substanz“. Immerhin verfügten DDR-Leser jetzt über acht frühe Gedichte, darunter auch „Mann und Frau gehn durch die Krebsbaracke“.

Ein Jahr später erschien eine DDR-spezifische Auswahl „Expressionismus. Lyrik“ (1969). Die Sammlung sollte vor allem linke Strömungen sichtbar machen. Hier war Benn mit zehn Gedichten vertreten. Im Nachwort kam er allerdings nicht vor. Aber mit dem Abdruck wurde Benn nun auch von marxistischen Literaturhistorikern gewürdigt. In der zwölfbändigen „Geschichte der deutschen Literatur“ der siebziger Jahre tauchte er in drei Bänden auf. Zum 100. Geburtstag aber erschien – was niemand erwartet hatte –, ein seit 1984 vorbereiteter Auswahlband „Einsamer nie“. Das Nachwort stammte von dem Germanisten Joachim Schreck. Ein Mitläufer „im einschichtigen Sinn, ein Karrierist“ sei Benn nicht gewesen, hieß es. Seine „radikalistische Zivilisationskritik hat ihn in die gleiche Richtung und an das nämliche Tor geführt, hinter dem auch die Vernichtung alles Geistigen anhebt und vor dem er schließlich erschrocken halt macht“. Drei Jahre später fiel die Mauer.

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