Sängerin Katja Ebstein wird 70 : Die Wunderfrau

Mit "Wunder gibt es immer wieder" war Katja Ebstein 1970 unsere Stimme für Europa. Ihre Karriere begann in der West-Berliner Folkszene. Zum 70. Geburtstag der Sängerin holen wir noch einmal die Glamrockstiefel raus.

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Katja Ebstein.
Zwischen Chanson und Kabarett: Katja Ebstein.Foto: dpa

Auf Fotos und in Fernsehauftritten der frühen siebziger Jahre scheint Katja Ebstein nur aus Haaren und Beinen zu bestehen. Beide sind sehr lang. Als sie 1970 zu den Fanfaren ihres Liedes „Wunder gibt es immer wieder“ die Bühne des Grand-Prix-Festivals in Amsterdam betritt, trägt sie einen hellblauen, kittelförmigen Mantel, der aufgeknöpft ist und den Blick auf ein grünblaues Minikleid freigibt. Ihre Beine stecken in silbernen Glamrockstiefeln. Zu den pumpenden Akkorden der Hammondorgel singt die Sängerin: „Wunder gibt es immer wieder / wenn sie dir begegnen / musst du sie auch sehn.“ Das Lied stammt vom Komponisten Christian Bruhn und dem Texter Günter Loose. Ein Wunder. Und ein Triumph. Fast. Ebstein schafft es auf den dritten Platz des Wettbewerbs.

Mit „Wunder gibt es immer wieder“ ist die Sängerin auf dem Höhepunkt ihrer Kunst angekommen. Mit der Rustikalität und Volkstümlichkeit des Schlagers hat das Lied nichts mehr zu tun, es ist großer, orchestral ausgepolsterter Pop, der den Vergleich mit internationalen Produktionen von Dusty Springfield oder Shirley Bassey nicht zu scheuen braucht. Das Cover des von der Zeitschrift „twen“ herausgegebenen Albums „Katja“ zeigt ein Pop-Art-Porträt von Ebstein, mit wehendem Haar unter einem Kopfhörer. Ebstein singt Songs, die auf einer Höhe mit dem Zeitgeist sind: die Umwelthymne „Deine Welt“, die Bossa-Nova-Ballade „Ein Haus auf einer Insel“ oder die Burt-Bacharach-Coverversionen „Ein Haus ist keine Zuhaus“ und „So viel Liebe fehlt“. Mit dem von Ralph Siegel und Bernd Meinunger geschriebenen Chanson „Theater“ erobert sie 1980 beim Grand-Prix-Finale in Den Haag, umtanzt von Pantomimen, den zweiten Platz.

Ebstein begann ihre Karriere in der West-Berliner Folkszene

Katja Ebstein bei einem Auftritt 1970.
Mit „Wunder gibt es immer wieder“ ist die Sängerin 1970 auf dem Höhepunkt ihrer Kunst angekommen.Foto: dpa

„Sie hat viele Hobbys: Malen, Skulpturen, Literatur und Theater“, so stellt die Ansagerin beim Eurovisionsfestival von 1970 vor. Die Sängerin, die ihre Karriere in der West-Berliner Folkszene begonnen hatte, ergattert einen Plattenvertrag beim amerikanischen Liberty/United Artists- Label und wurde von Christian Bruhn, ihrem zeitweiligen Ehemann, produziert. Aber nun wendet sie sich den Hobbys zu. Ebstein verwandelt sich in eine Schauspielerin, spielt in der Regie ihres zweiten Ehemanns Klaus Überall in einer Theaterfassung von „Professor Unrat“, macht Musicals und dreht für die ARD die Reportagereihe „Unterwegs in der DDR“, die so unkritisch ausfällt, dass sie problemlos auch in der DDR ausgestrahlt wird.

Musikalisch bewegt sich Ebstein seither zwischen den Polen Kabarett und Chanson, sie vertont Heine, singt Couplets von Tucholsky, Friedrich Hollaender und Kästner. Erst als der Krawallbarde Guildo Horn ihren Klassiker „Wunder gibt es immer wieder“ kurz vor der Jahrtausendwende noch einmal zum Hit macht, findet sie zum Schlager zurück. Katja Ebstein wurde heute vor 70 Jahren, am 9. März 1945 im schlesischen Städtchen Girlachsdorf geboren. Zu Hause ist sie aber in Berlin. Ihr letztes Album trägt den Trotz im Titel: „Na und – wir leben noch!“

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