Kultur : Sängerstreit

Mehta und Metzmacher: Messiaen, gleich zwei Mal

Christine Lemke-Matwey

Es ist gewiss müßig, das Neue Jahr mit einer Tirade darüber zu beginnen, dass in Berlins Orchesterlandschaft mal wieder keiner mit keinem spricht: die Staatskapelle nicht mit dem Deutschen Symphonie Orchester, das DSO nicht mit der Staatskapelle (jedenfalls nicht erfolgreich) und die Herren Generalmusikdirektoren mit den Herren Chefdirigenten traditionell sowieso nicht. Schwamm drüber! Zäumen wir das Ross lieber vom Schweif her auf: In welcher Musikmetropole ist es schon möglich, an vier Tagen hintereinander Olivier Messiaens „Turangalîla-Symphonie“ zu hören, in zwei ebenso unterschiedlichen wie problematischen, Werkerkenntnis verheißenden Interpretationen? Ein Prosit auf das hauptstädtische Chaos und alle Ignoranz!

Nicht nur Karajan, auch Olivier Messiaen, der französische Klangmagier und Vogelstimmen-Mystiker, feiert 2008 seinen 100. Geburtstag. Etliche Musiker sind durch die reiche Schule seines christlich-esoterischen Pantheismus gegangen – von Stockhausen über Pierre Boulez bis Xenakis oder Kent Nagano. Und wer immer sich heute auf ihn beruft, steht ästhetisch auf der sicheren Seite. Messiaens starker Eigensinn weist nach dem Zweiten Weltkrieg jede ideologische Missbräuchlichkeit von sich, und komplex genug ist seine Musik allemal (legendär: das Streichquartett „Quatuor pour la fin du temps“, die Oper „Saint François d’Assise“), um neben allem sich Versenken hohe intellektuelle Ansprüche zu stellen.

Die „Turangalîla-Symphonie“ von 1948 indes – ein viele Dimensionen sprengendes Manifest der Liebe, Herzstück seiner Tristan-Trilogie – birgt auch Untiefen. Hoch interessant, zu beobachten, wie zwei so unterschiedlich temperierte Musiker wie Zubin Mehta (mit der Staatskapelle) und Ingo Metzmacher (mit dem DSO) sich hier aus der Affäre ziehen. Soll das große Liebeslied des zweiten und vierten Satzes, seine Entfaltung in Nummer VIII, nun purer Postkartenkitsch sein oder hintersinnig gestaffelte Ironie? Tropft im „Garten des Liebesschlafs“ (Jardin du sommeil d’amour) förmlich das Kondenswasser eines tropischen Gewächshauses aus den Instrumenten oder ist hier längst alles versiegt, verdörrt, nur Erinnerung? Und das Finale: fetter Bigband- Sound, großes Kino oder doch eher ein großes Fragezeichen hinter aller meisterlich verordneten „großen Freude“?

Man machte es sich zu leicht, die Rollen so zu verteilen, wie sie auf der Hand liegen: Mehta, der buddhaeske Kulinariker, der will, dass sein Messiaen mindestens so dröhnt wie Bruckner – und Metzmacher, der Sonnyboy von der Neue-Musik-Front, dem nichts über Transparenz und Trennschärfe geht. An beidem ist natürlich etwas dran, zumindest wirkt Mehtas Umgang mit der Partitur ungleich souveräner, während Metzmacher rein handwerklich mehr ackern muss und zudem mit der Erfüllung des Lyrisch-Gesanglichen so seine liebe Not hat . . .

Am Ende trägt, überraschenderweise, Zubin Mehta die Krone davon. Weil er beherzt die Flucht nach vorn antritt, zweifellos über so manche Grenze des guten Musikgeschmacks hinaus; und weil er sich bis zum wahrlich leinwandträchtigen Schluss-Crescendo jenes kleine Augenzwinkern bewahrt, ohne das diese hybride Musik unerträglich würde. Wie viel das wert ist, erfährt man zwei Tage später, wenn Ingo Metzmachers ehrenwerte Kitschaustreibungsversuche kaum mehr zeitigen als ein graues Bröseln.

So richtig gewachsen, pardon, scheinen der Partitur weder die Staatskapelle noch das DSO zu sein. Auch die Solisten zeigen sich durchwachsen: Dem grandiosen Roger Muraro am Flügel steht bei der Staatskapelle mit Valérie Hartmann-Claverie eine Ondes-Martenot-Spielerin gegenüber, die ihre elektronisch singende Säge dynamisch wenig im Griff hat – das dem Instrument zugewandte Ohr schmerzt noch heute. So gesehen agiert Takashi Harada beim DSO wiederum zu leise und steckt der Pianist Jean-Efflam Bavouzet seinen Kopf eine Spur zu beflissen in die Noten. Dennoch: einiges gelernt. Für die Musik, fürs Leben. Hören, urteilen ist vergleichen. Vielleicht sollten Berlins Orchester doch gelegentlich ein paar Worte mehr miteinander wechseln. Christine Lemke-Matwey

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