Kultur : Sättigungsbeilage für schnelle Leser

Vorbild Tchibo: Wie Zeitungsverlage sich mit Billigbüchern und DVDs sanieren wollen

Jörg Plath

Ein, zwei Bestseller pro Halbjahr, Verkaufsaktionen mit preiswerten Büchern und die Förderung (noch) unbekannter Talente – diese drei Säulen sichern dem klassischen Verleger Ansehen und Existenz. Dass die ersten beiden Vorhaben kombiniert und auf das kostspielige dritte verzichtet werden kann, haben dieses Jahr etliche Newcomer vorgemacht. Die von der „Süddeutschen Zeitung“ („SZ“), „Bild“ und der „Zeit“ herausgegebenen Billigeditionen schlagen alle Rekorde und verändern die Literaturlandschaft.

Seit dem 20. März erscheint jede Woche ein gebundenes Buch der SZ-Bibliothek von Umberto Eco, Martin Walser oder Georges Simenon für 4,90 Euro. Jeder der 50 Bände verkauft sich mehr als 150 000-mal, die Gesamtauflage liegt derzeit bei über sieben Millionen, bis Juni 2005 sollen es 13 Millionen sein. Solche Zahlen treiben jedem Verlagscontroller Tränen in die Augen: Üblich sind Auflagen von um 5000 Exemplare.

Kein Wunder, dass andere nachgezogen haben. Am 7. Oktober startete die „Bild-Bestseller-Bibliothek“ mit 25 ebenfalls gebundenen Romanen für je 4,99 Euro. Die Boulevardzeitung organisiert dies gemeinsam mit dem katholischen Weltbild-Konzern. Die Startauflage des ersten Bandes, Mario Puzos „Der Pate“, wurde auf 350000 verdoppelt, die folgenden Bücher von Stephen King, Marianne Fredriksson und Eva Heller legt Weltbild gleich mit jeweils 250000 auf. Als Jüngste im Bunde offeriert die Wochenzeitung „Die Zeit“ seit dem 11. November ein gebundenes Lexikon. 20 Wochen lang erscheint in Kooperation mit Brockhaus ein Band für 14,90 Euro; 120000 Stück werden gedruckt.

Solche Erfolge hielt bislang kaum jemand für möglich. Lange zögerte die „Süddeutsche“, ob sie die Buch- und CD-Editionen, mit denen italienische Zeitungen ihre Auflage steigern, nachahmen sollte. Denn in Italien gibt es wenige Abonnenten, die Leser entscheiden sich erst am Kiosk für eine Zeitung, und Buchhandlungen sind rar. Schließlich gaben die Verluste der „SZ“ (2001: geschätzte 43,9 Millionen; 2002: 76,6 Millionen, 2003: 0,6 Millionen Euro Überschuss) wohl den Ausschlag. In der allgemeinen Medienkrise sucht man nach neuen Umsatzmöglichkeiten. Inzwischen ist der Bibliothek eine CD-Edition des „SZ“-Musikkritikers Joachim Kaiser gefolgt.

Die zuständige Abteilung heißt New Products and Services. Aus anfangs 1,5 Stellen sind dort zwölf geworden. 22 Projekte – DVDs, CDs, Bücher, möglicherweise eine Jugendbuchreihe – werden vorbereitet. Die „SZ“ will den zusätzlichen Umsatz (bisher über 20 Millionen Euro) deutlich steigern. „SZ“-Geschäftsführer Klaus Josef Lutz denkt an „einen großen Medien-Shop“. Ähnliches plant offenbar die „Zeit“, wo drei Mitarbeiter neue Produkte vorbereiten, und die „Welt“, der seit dem 18. September jeden Sonnabend eine DVD der ZDF-Serie „Discovery“ beiliegt. Die Sonnabendauflage nahm zweistellig zu, ingesamt wurden bisher 450000 DVDs verkauft. So entwickeln sich die Zeitungshäuser zu Handelshäusern – ihr Vorbild heißt Tchibo. Nur „Bild“ entschied sich für eine klassische Medienpartnerschaft mit Weltbild.

In wöchentlichem Rhythmus und mit massiver Werbung gelangen auf diese Weise allein 2004 mehr als zehn Millionen gebundene Bücher auf einen seit vier Jahren schrumpfenden Markt. Die Produzenten vertreiben sie direkt sowie über Kioske und den Buchhandel, was die Auflage erhöht und Preise ermöglicht, die um beinahe die Hälfte unter denen der Taschenbücher liegen. Selbst wenn „SZ“ oder „Bild“/Weltbild nur zehn Cent Gewinn pro Buch erwirtschaften sollten, kämen erkleckliche Summen zusammen. Alle Bucheditionen werden übrigens im Hochlohnland Deutschland gedruckt.

Die Reaktion des Handels fällt gemischt aus. Die Buchhandlungen erhoffen sich Neukunden und Zusatzkäufe, doch die Umsätze haben sich bisher nicht erholt. Die Billigbücher verdrängen andere: Die Modernen Antiquariate beklagen einbrechende Geschäfte, und die Buchhändler tun sich schwer damit, den Kunden zu erklären, warum gebundene Bücher viermal so teuer sein müssen wie die der Billigreihen.

Die Verlage, die der „SZ“ (Hanser, Diogenes und Suhrkamp) und „Bild“/Weltbild (S.Fischer, Random House/Bertelsmann, Langen-Müller und Lübbe) Lizenzen verkauft haben, sehen in den Billigbüchern eine Sonderaktion, wie sie sie selbst auf die Beine stellen. „Die Bücher von William Faulkner oder Carson McCullers verkaufen sich stetig, aber in vergleichsweise geringem Maß. Es geht darum, sie wieder ins Gespräch zu bringen“, meint Stefan Fritsch vom Züricher Diogenes Verlag. Rowohlts Pressesprecherin Ursula Steffens sieht in den Angeboten dagegen „eine Gefahr für den gebundenen Ladenpreis“, ebenso wie die Verlagsleiter Susanne Schüssler (Klaus Wagenbach) und Wolfgang Balk von dtv. Rowohlt hat deshalb keine Lizenzen vergeben.

Unbehagen weckt nicht nur der niedrige Preis, sondern auch ihre redaktionelle Begleitung. Neben den üblichen Anzeigen empfiehlt die „SZ“-Feuilletonredaktion einmal die Woche prominent platziert den neuen Hausband. Die „Welt“ wirbt für ihre DVD, und „Bild“ meldet anlässlich der mit Weltbild vertriebenen „Volksbibel“: „Sensation! Mann geht übers Wasser.“ Die Grenze zwischen unabhängiger Berichterstattung und Anzeige verschwimmt. Die besten Autoren und die größten Triumphe des letzten Jahrhunderts zum Schnäppchenpreis – es ist eine kombinierte Retro- und Geizwelle, die Buchhandel und Verlage wegen des gebundenen Ladenpreises etwas später als andere Branchen errreicht.

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