Kultur : Sättigungsbeilagen

Zwischen Äpfeln, Birnen und Bohrern: Bücher gibt es mehr und mehr im Supermarkt. Der Fachhandel ist davon wenig begeistert

Jörg Plath

Das Monopol der Buchhandlungen ist längst gebrochen. „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ heute zum Auftakt der 50-bändigen Bibliothek der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ), dazu die Bibel bei Aldi, Harry Potter bei Rewe, Stephen King bei Schlecker, Reiseführer bei Shell und Dieter Bohlen beinahe überall – Bücher liegen neben Zeitungen und Birnen, Akkubohrern und Cremes, während der Buchhandel schon im dritten Jahr über rückläufige Umsätze klagt. Die Stimmung vor der nächste Woche beginnenden Leipziger Buchmesse könnte besser sein. Unter Discountern, Drogerieketten, Baumärkten und Tankstellenbetreibern ist sie auch nicht gut. Doch das Buch wertet das eigene Geschäft auf, und dank des gebundenen Ladenpreises sind die Handelsspannen fest und verglichen mit Lebensmitteln hoch.

Natürlich kennen die Einzelhändler – anders als die SZ – den Buchmarkt nicht. Daher lassen sie sich ihr Angebot von „Rackjobbern“ zusammenstellen. Diese speziellen Großhändler bieten aufeinander abgestimmte Buchpakte an. Das Geschäft floriert so, dass Random House/ Bertelsmann ein eigenes Rackjobber-Unternehmen erprobt.

Die Anforderungen an die Rackjobber sind deutlich gewachsen. Früher genügte es, einige Paletten mit angestoßenen Taschenbüchern zu 1,99 Euro vom Lkw zu laden. Heute soll die Ware so knackig sein wie die Äpfel ein Regal weiter, zudem hochwertig, attraktiv und preiswert. Manche Läden bekommen viermal die Woche frische Ware. Darunter sind neben Bestsellern Titel aus dem Modernen Antiquariat, die immer öfter eigens produziert werden. Das entscheidende Kriterium ist der Preis. Mehr als 10 Euro dürfen außerhalb der Buchhandlungen nur Bestseller kosten. Kein Wunder, dass Buchhändler befürchten, neben den billigen Jakobs wie teure Apotheken zu wirken. Außerdem bangen sie, dass ihnen die Kalkulation verdorben wird. Der große Filialist Hugendubel etwa macht mit drei Prozent der Titel vierzig Prozent seines Umsatzes. Wenn dieser Anteil sinkt, können die 97 Prozent der weniger gut verkäuflichen Titel nicht mehr mitfinanziert werden und verschwinden aus den Läden. Was aber nicht ausliegt, wird nicht verkauft und bald auch nicht mehr verlegt.

Auch angesehene Verlage fürchten die Schnäppchenangebote – besonders wenn wie im Fall der SZ-Bibliothek Qualität und Billigpreis zusammenkommen. Denn die Bände von Paul Auster, Marguerite Duras, Umberto Eco, Georges Simenon und Martin Walser, die die SZ nach italienischem Vorbild von heute an 50 Wochen lang jeden Samstag vorlegt, kosten nur 4,90 Euro. Ein Lockangebot, das keinen Gewinn bringt, vielleicht aber die Auflage steigert. „Wie sollen wir bei diesem Preis dem Buchkäufer verständlich machen“, fragt Susanne Schüssler vom Verlag Klaus Wagenbach, „dass ein korrekt kalkuliertes Hardcover 20 Euro oder mehr kosten muss?“ Auch Wolfgang Balk vom Deutschen Taschenbuch Verlag fürchtet, „dass der kurzfristige Schaden für die Glaubwürdigkeit der Buchpreise größer ist als der langfristige Nutzen für die SZ“.

Verlage, die für den Massenmarkt arbeiten und von den zusätzlichen Verkaufsstellen für Bücher profitieren, sehen das natürlich anders. Sie hoffen auf neue Käuferkreise. Dieter Schormann, Buchhändler in Gießen und Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, denkt vor allem an Gelegenheitskäufer. Er unterhält Verkaufsstände in einem Möbelhaus und hat schon einige Male erlebt, dass die Kunden danach in seine Buchhandlung kamen. „Die Zunahme der Nebenmärkte spricht für die Attraktivität des Buches, und wenn der Buchhandel dieselben Angebote zu gleichen Konditionen wie die Nebenmärkte erhält, kann dies ein interessanter Wettbewerb sein.“

Die neuen Vertriebswege sind nicht nur ein Zeichen der Krise. Sie zeigen auch, dass sich der Buchmarkt differenziert. Oft sind die Titel aus dem modernen Antiquariat erfolgreicher als andere. Sofern es sich nicht um Bestseller handelt, scheinen Nebenmärkte besondere Angebote zu erfordern. Die Wünsche des Schlecker- oder Rewe-Publikums kennen viele Buchverlage nicht. Das ist einer der Gründe, warum Rowohlt mit dem Versuch scheiterte, den Wolfgang Krüger Verlag als Niedrigpreismarke zu etablieren, und warum DuMont seinen Billigableger Monte zum Jahresende geschlossen hat.

Es spricht daher viel dafür, nicht von Nebenmärkten, sondern von benachbarten Märkten zu sprechen. Mit ihnen muss der ganze Fachhandel leben, seit Tchibo vom Kaffeeröster zum kleinen Warenhaus mutiert ist. Dieser Konkurrenz gegenüber können Buchhandel und Verlage nur selbstbewusst ihre Qualitäten betonen: große Auswahl, fachkundige Beratung und schnelle Beschaffung von haltbaren Bücher auf dem neuesten Stand. Und: Sie sollten nicht morgen schon verramschen, was sie eben noch angepriesen haben.

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